23. Dezember 2008

Unbill

Seit zwei Wochen dauert der Busstreik in Ottawa an und nachdem am Wochenende Gespräche zur Beendigung des selbigen gescheitert sind, wird es sich wohl noch länger hinziehen. (Und nein die Tarifverhandlungen begannen nicht im Dezember, da der Tarifvertrag zur Weihnachtszeit ausgelaufen war, der Tarif lief bereits im April aus, aber man wartete mit dem Streik, um die Menschen so richtig zu treffen..)
Man sollte annehmen, dass ich mich an den Streik gewöhnt habe, aber es ist doch eher so, dass ich von Tag zu Tag frustrierter werde. Wenn man in den USA wohnt, wo es in vielen Orten keinen öffentlichen Nahverkehr gibt, dann hat man sich darauf eingestellt, man besitzt ein eigenes Auto, man organisiert sich in Fahrgemeinschaften kurz, man weiß, wie man auch bei schlechterem Wetter, wie z.B. -40 °C und Eisstürmen von A nach B kommt. In Ottawa dagegen, wird der öffentliche Nahverkehr garantiert, dementsprechend haben viele darauf vertraut, die Familien haben nur ein Auto, sie nutzen den Bus um zu den Ärzten, zur Arbeit und zurück, zur Schule etc. zu gelangen... Auch wir besitzen kein Auto und so wird Anand seit zwei Wochen täglich von einem Kollegen abgeholt, der extra für ihn einen stundenlangen Umweg fährt (es ist täglich Stau auf fast allen Straßen), um zur Arbeit zu gelangen.
Dabei sind unsere Probleme immer noch gering, ich ärgere mich, dass ich nicht einmal in die Innenstadt komme, um mir die Weihnachtsdekoration am Parlament anzusehen (wie alle Kanadier auch, kann ich sie nur im Fernsehen bewundern), oder zu IKEA oder zu meinen Lieblingsläden mit Kunstgewerbe und einfach “anderen” Läden, als in den Einkaufszentren, da Byward Market und The Glebe, ausserhalb des 45 Minuten Fußmarsch-Radius liegen, in dem ich mich derzeit bewege. Mein Supermarkt befindet sich auf der anderen Straßenseite und die fünf Minuten zu Fuß bekomme ich im Schneesturm noch hin. Vielen anderen geht es da schon schlechter. Der Nahverkehr betreut auch Behinderte und schwerkranke Menschen mit dem sog. Paratranspo, dieser Service wird so weit es geht aufrechterhalten, mit Fahrern, die nicht zur Busfahrergewerkschaft gehören und doch schaffen es immer mehr ältere Menschen nicht mehr zu ihren Arztterminen, da sie die Strecken durch den Schnee nicht bewältigen können (ich habe noch nie so viele Krankenwagen in den Straßen gesehen, die Leute aus den Häusern holen). Für Frauen mit ihren Kinderwagen sind die Straßenverhältnisse ebenfalls unzumutbar, um einen Kinderwagen durch den Schnee zu bekommen, muss man sich nicht nur umdrehen und den Wagen hinter sich herziehen, sondern auch alle paar Meter den Schnee von den Rädern abschlagen, damit der Wagen überhaupt noch rollt. Die Geschäfte der Innenstadt beklagen einen Umsatzrückgang gegenüber dem November um 30 % und das wo sie das Hauptgeschäft im Dezember machen, um die umsatzarmen Monate Januar und Februar zu überbrücken, in denen die tiefsten Temperaturen des Jahres, die Straßen buchstäblich leerfegen. Die Stadt hat das Problem, dass sie im öffentlichen Nahverkehr einsparen soll und hat weniger Geld für OCTranspo zur Verfügung und gleichzeitig verlangt die Gewerkschaft mehr Lohn und mehr Mitspracherechte. Ich habe Streiks verstanden, in dem es darum ging, die Lebensbedingungen von Arbeitern zu verbessern, Streiks in denen viele Arme etwas von den Reichen einforderten, was ihnen zustand. In diesem Streik geht es aber darum, dass Busfahrer, die bereits besser bezahlt werden als der kanadische Durchschnitt, noch mehr Geld fordern, von einer Stadt, die bereits jetzt zuviel für sie ausgibt. Ich frage mich ein wenig, benutzen diese Leute auch hin und wieder einmal ihren Verstand? Die Ticketpreise wird man in der derzeitigen, sicher immer stärker auswirkenden Finanzkrise kaum anheben können, das Geld für die Stadt wird in den Jahren eher noch weniger werden, also was genau wollen sie erreichen?
Die Stadt wird einknicken und ihnen nachgeben, die Situation wird langsam unerträglich, der Einzelhandel fordert es, die Menschen, die keine Alternative zum Bus haben und quasi seit zwei Wochen in Geiselhaft zu Hause sitzen, brauchen diesen – aber was dann?
Verstehen sie denn nicht, dass jeder Cent mehr, mit Stellenabbau finanziert werden muss?
Lesen sie denn keine Zeitung?
Die USA sind der unmittelbare Nachbar Kanadas und in vielen Bereichen sind die Wirtschaftssysteme weitgehend miteinander verflochten. Bisher ist keine Bank in Kanada an den Rande des Bankrotts gelangt, aber wie lange ist das noch so... General Motors besitzt Städte in Ontario, wie z.B. Oshara, die nur diesen einen Arbeitgeber haben, Städte bestehend aus Zulieferbetrieben für die US-Autoindustrie. Als GM einen sechswöchigen Stop der Produktion ansagte, bemühte sich die kanadische Regierung sofort um ein millionenschweres Auffangprogramm und nun schließt Chrysler alle 30 Produktionsstandorte in Nordamerika für sechs Wochen, um Anfang Januar nicht zahlungsunfähig zu sein. 500.000 Stellen werden in den nächsten Jahren allein in Ontario wegfallen. Auch in kanadischen Städten gibt es Immobilienblasen, wie die die zu der Krise in den USA führten, auch hier benutzen die Menschen Konsumentenkredite durch Kreditkarten... all das hängt miteinander zusammen und wird dazu führen, dass die Gelder auch für die Hauptstadt weniger werden... eine wirtschaftliche Entwicklung, die den Busstreik noch absurder werden lässt...
(Ich glaube, ich entwickle auch so langsam eine echte Abneigung gegen Streiks, die nur dazu da sind Machtpositionen auszuspielen und betroffenen Reisenden jedwede Alternativen vorenthalten, sei es nun Lokführerstreiks, Pilotenstreiks, Fluglotsenstreiks und eben auch Busfahrer...).
Und während ich also versuche mit dem Wetter und Streikärger da draußen klarzukommen und eben nicht auf den Bus warten kann, sondern die 40 Minuten durch den Schnee stapfe um Batterien zu kaufen und mich freue wieder zu Hause im Warmen zu sein, nun da fällt – natürlich an einem Sonntag – die Heizung aus. Bei der Notfallnummer meldete sich auch erstmal keiner, so dass wir schon überlegten, was man machen kann. Die geklinkerte Hausfassade täuscht manchmal darüber hinweg, dass diese Häuser nur aus Holzträgern mit Holzzwischenwändern erbaut wurden, aber dass das Haus so schnell auskühlte, zeigte wieder einmal, das es nicht im geringsten isoliert wurde. Wir stopften Decken und Handtücher vor Türen und in Fensterrahmen, schlossen die Vorhänge um noch etwas Wärme zu halten, aber von Stunde zu Stunde wurde es kälter,.. die Wände wurden eiskalt und wir richteten uns schon auf eine ungemütliche Nacht ein. Aber dann meldete sich endlich der Notfalldienst und die Heizung wurde noch am Sonntag notdürftig repariert und ab heute scheint alles wieder normal zu laufen. Parallel sahen wir im Fernsehen, die Auswirkungen der Schneestürme in NovaScotia, wo 2/3 der Bevölkerung ohne Strom ist und die Stürme, Reparaturen an den Hochspannungsleitungen auch sehr erschweren und plötzlich begann das altbekannte Gedankenkarussell: Was wenn die Heizung nicht am gleichen Tag hätte repariert werden können, was wenn unser Strom auch ausfällt und über Tage nicht wiederkommt, in vielen Häusern gibt es zumindest Kamine, aber hier, bei mindestens -15°C, ohne Strom und Heizung und irgendeiner Möglichkeit die Wohnung zu erwärmen, was wäre dann?

Kommentare:

  1. Zwischenmeldung aus Nova Scotia ;) Wir hatten heute Nacht 2 Stunden Stromausfall, seitdem läuft alles normal. Der Wind nervt allerdings ziemlich, wenn man draußen ist. Haben aber heute bei einer kleinen Rundfahrt diverse Häuser ohne Strom gesehen. Dummerweise laufen hier die meisten Heizungen mit Strom. Eine bekannte Familie hat keinen Kamin... Wr schon, aber wir haben ja sogar Strom. Komisch, dass man hier in Kanada so unvorbereitet ist, oder?

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  2. Dann ist ja gut, dass ihr Strom habt, hatte mir schon Sorgen gemacht, als ich die Bilder gesehen hatte von Leuten, die es immer so halb von der Straße geweht hat.
    Und zu Kaminen fällt mir auch noch ein, dass viele so clever sind und elektrische Kamine besitzen...
    Zum Thema Isolierung: was dieses ganze Erwärmen der Umgebungsluft kostet, würde mich einmal interessieren, das bezahlt ja letztlich der Mieter....
    btw. Schiebefenster sind auch so eine Un-Erfindung für kalte Regionen, der Schnee schmilzt an den Scheiben und vereist so zuverlässig die Schienen, dass man das halbe Fenster aushebeln muss, wenn man einmal einen Spaltbreit lüften möchte

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