1. Juni 2012

Das Wesen der Wahrheit

Vor anderthalb Jahren schrieb ich darüber, daß mein Mann sich mitunter Tage, Erlebnisse so vorstellt, daß er sie für real hält. Damals wollten wir in einem nahegelegenen Ort einen Freund besuchen und mein Mann bestand darauf, daß wir bereits zusammen in diesem Ort unterwegs waren, was nicht der Fall war, im Gegenteil, ich wollte das Dorf immer gerne besuchen. 
Das führte zu einem großen Streit, in dem mein Mann mir detailreich unseren ‚vorherigen’ Ausflug beschrieb: Wir gingen in ein Haus, dort wollte ich einen Laden besuchen, der aber geschlossen hatte, ich suchte außerdem nach einer Toilette und machte viele Fotos. 
Um meinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, führte er mich zu dem Haus, wir fanden darin keinen Laden sondern eine Bibliothek und meine Nachfrage, was ich denn bitteschön in einer Bibliothek wollte wo wir eine in unsere Straße haben, brachte die Überzeugung meines Mannes etwas ins Wanken, aber insgeheim hielt er mich trotzdem für psycho. Wieder zu Hause setzte er sich sofort an den Computer und fand natürlich keine Bilder des imaginären Ausfluges. Dann musste er sich widerwillig damit auseinandersetzen, daß sein offenbar hyperreales ‚Wissen’ das Tages nur ein Streich seines Gehirns war.
Er suchte im Internet nach mentalen Störungen und man sollte meinen, daß dieses Erlebnis als traumatisch im Gedächtnis bleibt. Doch vor kurzem kamen wir wieder darauf zu sprechen und ich stellte fest, daß seine Erinnerung an unseren eigentlichen Besuch völlig von seinem imaginären überlagert wurde, er weiß, daß der erste Besuch keiner war, also war ich eben beim zweiten Besuch in dem Laden, auf der Toilette und machte viele Fotos. Offenbar verschwindet die Erinnerung an Details schlichtweg mit den Monaten und Jahren und man kann sich an weniger und weniger erinnern, während die gedachte Erinnerung in sämtlichen kleinen Details erhalten bleibt. 
Und wieder rannte ich gegen eine Wand um meinen Mann davon zu überzeugen, was wirklich geschehen ist, wo er doch ganz genau ‚weiß’ wie es war. Es half dem ganzen nicht, daß ich herausfand, daß seine Mutter ähnliche Erlebnisse hat und es half auch nicht auf andere solche Ereignisse hinzuweisen, die seitdem auftauchten und ebenfalls nur in seiner Vorstellung real waren. Was bleibt ist das Problem, wie vertraut man jemanden, der davon überzeugt ist die Wahrheit zu sagen, dessen Wahrheit aber von der Wirklichkeit abweicht und inwiefern tragen solche Erlebnisse zu unseren Streitigkeiten bei?

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