27. September 2009

Am Sonntag zu den Niagara Falls


Nach einer weiteren erholsamen Nacht in unserem Torontoer Hostel und diesmal Frühstück in einem kleinen, persönlicheren Café ging es los zum Bahnhof, denn wir fuhren mit dem Zug zu den Niagara Fällen, was an sich schon etwas Nostalgisches hatte. So sind in früherer Zeit die Paare in ihren Flitterwochen und später mit Familien gereist, damals als selbst Autos noch eine Seltenheit waren und Niagara Falls-City nur aus einer verschlafenen Anzahl von Hotels und Pensionen auf beiden Seiten der Grenze bestand.

Die Fahrt dauerte zwei Stunden, eine Stunde davon fuhr man entlang verrosteter, verrottender Industrieruinen, danach kam eine halbe Stunde neue Industrie in langweiligen großen fensterlosen Hallen, dann eine halbe Stunde Obst-und Weinfelder und schon waren wir da.
Rund um den Bahnhof stand ein gesamtes Viertel leer, Kneipen, Läden, Hotels.. an den Schildern konnte man noch erkennen, was dort einmal gewesen war, aber alles war leer, geschlossen und in verschiedenen Stadien der Zerstörung begriffen, was ein bißchen nach Kulisse für einen Kriegsfilm aussah.
Von der Stadt hatten wir von vielen Leuten unisono die Meinung gehört: Einer der häßlichsten Orte in Nordamerika, mit Casinos zugeplastert und schlimmer als Atlantik City und Las Vegas zusammen, ausser den Fällen gibt es nichts, was sich anzusehen lohnt.. Diese Meinungen waren so wenig schmeichelhaft, dass wir beschlossen, die Stadt erst einmal links liegen zulassen und nur am Fluss entlang zu den Fällen zu wandern und dann vielleicht auf dem Rückweg zum Bahnhof einen Blick auf den Sündenpfuhl zu werfen.
Während der Wanderung entlang des türkis-schimmernden Flusses verstärkte sich eher der Eindruck der Leere, leere Motels, leere Straßen.. ausser ein paar ebenfalls am Fluss entlang wandernder Deutsche (scheint eine deutsche Eigenschaft zu sein, sich Orte zu erlaufen) begegneten wir keiner Menschenseele. Dann erreichten wir die Rainbow-Brücke, auf der sich der Grenzübergang zu den Vereinigten Staaten befindet. So nahe waren wir den USA noch nie.
Hinter der Brücke begann nun schlagartig der Touristenort Niagara Falls. Man sah die Riesenhotels, die kleineren amerikanischen Fälle und den riesigen Kessel der Horseshoe-Falls mit der nach oben steigenden Säule aus Wasserdampf.


Nun auf der Promenade spazierend, erreichten wir den kleinen Steinpavillon, der den besten Ausblick auf die amerikanischen Fälle bietet (und als Teil der Kulisse zum Niagara-Film mit Marilyn Monroe von 1953 nach den Dreharbeiten stehen blieb) und bezahlten wenig später für die Bootsfahrt zu den Wasserfällen. Die einfachste Tour kostet 15 $.
Wer nun dachte, man würde endlose Stufen nach unten klettern um zu den Booten zu gelangen, wurde eines besseren belehrt, denn natürlich ist alles generalstabsmäßig geplant: In riesigen Aufzügen verfrachtet, wird die Touristenherde im Berg nach unten verbracht, selber laufen würde viel zu lange dauern - Zeit die man nicht hat, denn die nächsten warten schon...



Unten wird jedem Tourist seine Plastikmülltüte samt Kapuze ausgehändigt, so dass alle schlagartig wie Jünger einer blauen Plastik-Sekte aussehen und schnell, schnell geht es auf die Schiffe.. man sichert sich die besten Plätze und los geht es. Früher wurden die Menschen noch in Ostfriesennerze gesteckt, die man sich je nach Größe auslieh und zurückgab.. aber in der modernen Welt reicht eine Mülltüte, die man sich dann sogar als Souvenir mit nach Hause nehmen kann.. denn sie wird ja sonst eh nur weggeworfen. Nun schippert man auf der festgelegten Route entlang der amerikanischen Fälle, lauscht der Dauerdurchsage vom Band, verharrt ein paar Minuten im Kessel der kanadischen Fälle und bestaunt die Wasserwände von drei Seiten. Wer sich während dieser Zeit vom oberen Deck ins untere traut, wird der Kraft des Wassers sogleich bewusst, denn der Aufprall der Fälle erzeugt einen quasi-waagerechten Regensturm, der alle Besucher des Unterdecks zuverlässig durchweicht.



Die Fälle sind natürlich trotz des professionellen Tourismusgeschäftes noch beeindruckend, aber wer in irgendeiner Form etwas Ursprüngliches sucht und eigentlich handelt es sich ja auch um ein Naturwunder... der wird in all den künstlichen Erlebniswelten wohl nicht finden, wonach er sucht.
Nach der Fahrt sahen wir uns die Fälle von oben an und schafften es bis zur Kante wo alles Wasser in die Tiefe stürzt.
Das Wetter hatte sich unterdessen ständig verschlechtert, was als Nieselregen begann, entwickelte sich zu einem echten Landregen und so flüchteten wir uns erst in ein Fast-Food Restaurant und danach ging es mit dem Taxi zurück zum Bahnhof, wieder entlang des Flusses, so dass wir von der eigentlichen Stadt faktisch nichts gesehen hatten... aber wir sollen da ja auch nichts verpasst haben. Am Bahnhof dann hieß es warten, der Zug kam aus NewYork und stand auf der anderen Seite der Grenze, wo er kontrolliert wurde... eine Stunde Verspätung.
Der Bahnhof füllte sich. Da die Strecke eingleisig ist, konnten auch die Torontoer Regionalbahnen von „GO“ nicht einfahren und immer mehr Menschen strandeten im Bahnhof. Vor allem Familien mit Kindern, die ein Wochenende in den vielen Vergnügungsparks der Stadt wie z.B. im „Marineland“ verbracht hatten und jetzt zurück nach Hause wollten.
Der Zug fuhr ein, aber das hieß nicht viel, denn nun wurde er auch vom kanadischen Zoll überprüft. Zweite Stunde Verspätung.
Die Stimmung wurde gereizt... man wäre nun schließlich schon in Toronto angekommen, wenn alles planmäßig verlaufen wäre. Bald wurde offenbar, warum alles so lange dauerte. An Bord des Amtran-Zuges befanden sich Teilnehmer eines Mittelalterfestivals: Fackeln, Schwerter, Rüstungen, manch‘ kahlgeschorener, tätowierte Teilnehmer im langen Ledermantel... jedes Stück brauchte eine extra Bescheinigung und musste auf Gefährdung überprüft werden, erst von der amerikanischen „Homeland Security“ und nun von „Canadian Custom- Officers“... .
Dritte Stunde Verspätung, es wurde langsam dunkel und der einzige Getränke-und Snackautomat am Bahnhof war leer, die Kinder ließen derweil die Werbezettel aus dem Ständer als Papierflugzeuge in die Luft steigen. Dazu eignete sich besonders der pinke Shopping-Guide „Niagara Falls-Outlet Center“ mit blonder Frau auf dem Cover, der aus Karton bestand. Danach gelang ihnen jedoch nicht, den Werbezettel-Ständer auch umzuwerfen.
Eine alte Frau erzählte, dass sie einmal 12 Stunden warten musste und dann kamen erst die Ersatzbusse für die Strecke... fassungsloses Entsetzen von meiner Seite und plötzlich hieß es: Alles einsteigen, der Zug nach Toronto fährt jetzt los..
Mit drei Stunden und 15 Minuten Verspätung erreichten wir schließlich Toronto, fuhren mit der U-Bahn zurück und nach einem schnellen Abendbrot in der Murmeltier-Kneipe ging es nur noch ab ins Bett- sämtliche Besichtigungspläne, die wir noch für den Abend hätten haben können, hatten sich schließlich aus Zeitgründen ganz von alleine erledigt. ..


Merke: Fahre nie mit dem Zug nach Niagara Falls, zum Picasa-Album geht es hier und das Video lässt noch auf sich warten, weil youtube heute ein Serverproblem hat (das ist hoffentlich morgen behoben):

Niagara Falls

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