28. Februar 2012

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Als ich mich durch die schwerste Zeit der Pubertät quälte war neben der Tori Amos CD „Under the Pink“ und lautem aggressiven Klavierspiel von eigentlich sanften R. Clayderman Klassikern, eine Sache wichtig zum offenbaren Überleben... die Telefonnummer meiner Großmutter. Unter Tränen, wütend, verängstigt war ich stets noch in der Lage die nächste Telefonzelle zu finden um die Nummern blind einzuhämmern und zornig über die Ungerechtigkeit des Daseins mit dem einzigen Menschen zu sprechen, der mich zu verstehen schien. Die Nummern hatten sogar Farben für mich... gelb und lila... ich bin zumeist kein Synästhetiker, aber manche Worte und Zahlen sind mit Farben verbunden, mein Name ist z.B. Rot-Grün. Kontraste, wenn ich Farben sehe... sehe ich offenbar Kontraste - aber ich weiche vom Thema ab.
Meine Großmutter konnte mir immer den Gesamt-Zusammenhang zeigen, nicht nur ich als verängstigtes Kind, sondern auch unsichere Lehrer, Eltern, Großeltern, daß alle Menschen Fehler haben... aber das heißt nicht unbedingt, daß sie gut oder böse sind... ich bekam nicht nur die sprichwörtliche andere Seite der Medaille zu sehen, sondern auch den Rand drumherum bis zur Einbettung von drei Generationen Verhalten - Ursache - Wirkung rückwärts.
Sie sagte mir nie, du musst so handeln; sie sagte mir nur, die anderen handeln so, weil ... Es war eine Offenbarung für mich, wenn Dinge plötzlich wieder Sinn machten, wenn auch nicht immer den den ich mir erhoffte...
In vielen Dingen fühlte ich mich meiner Großmutter immer sehr ähnlich, ihrer Vorliebe für unkonventionelles Verhalten und Kleidung - auch wenn ihr die Blicke der Leute nie peinlich zu sein schienen, was bei mir nicht immer so ganz klappt :)
Ihre vielen chronischen Krankheiten, von denen ich leider auch einen ganzen Stapel mit mir herumschleppe.
Meine Größe Kürze.
Katzen.
Ihr Interesse und Beruf als Schneiderin... ich wünschte wirklich außer meiner Vorliebe am Stoffe sammeln, hätte ich auch irgendwann gelernt wie man eine Nähmaschine bedient.
Selbst die vielen Geschichten aus der Kindheit auf dem Forsthof in Schlesien waren interessant für mich und weckten ein Interesse an Geschichte, an der Geschichte von Plätzen und Dingen, die mich umgaben.
Ein großer Unterschied war jedoch das Temperament. Während ich im Hintergrund warte und es liebe Menschen zuzuhören und sie zu beobachten... so war sie immer in der ersten Reihe und unterhielt die Party...
 ich frage mich nur, wen rufe ich denn jetzt an, wen ich dringend einmal wieder alles in seiner Gesamtheit sehen muss.


Mein Blog verliert mit dem Tod meiner Großmutter auch seine treueste Leserin. Über Jahre druckte meine Mutter die Computerseiten aus um sie mit nach Ahlbeck zu nehmen und bei Telefonaten zwischen uns ging es zumeist nicht um ein einfaches „Wie geht es dir“ da wusste sie ja schon alles, sondern sie fragte in Details nach und kannte manche meiner Artikel besser als ich selbst. Ich werde sie über alles vermissen.

Kommentare:

  1. oh thea. das tut mir furchtbar leid. da gibt es nichts, was ich tröstendes sagen könnte. deine großmutter hätte es sicher besser gewusst. ich drück dich!

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    1. Danke :) Ich konnte mit meiner Familie noch nicht darüber sprechen. Es fällt mir einfacher hier einen Blogtext zu verfassen aber ich weiß nicht was ich am Telefon sagen soll... ich kann nicht kommen, ich wünschte ich könnte bei euch sein, aber es ist nicht möglich. Das ist schwer, Entfernungen sind schwer.

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  2. :( Das ist super traurig und ich hoffe dir gehts gut.
    Liebe Grüße
    Christina

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    1. Danke Christina, es geht mir gut. Sie tat mir nur so schrecklich leid, vor fast einem Jahr wurde sie nachts in ihrem Haus überfallen und verletzt, davon konnte sie sich nicht wieder erholen. So etwas wünscht man natürlich niemanden aber bei Älteren ist es sehr schwer sich daraus vom Kopf her befreien zu können. Sie konnte es nicht mehr ertragen in ihrem Haus zu sein, sie bekam Angst vor allen Männern und irgendwann hörte sie auf zu essen und zu trinken. Es war nicht das friedliche Ende, was ich ihr gewünscht hätte, es war ein Ende voller Angst und Panik.
      Ich sehe unsere Nachbarin hier, sie ist 15 Jahre älter als meine Großmutter und ich denke, daß meine Oma ohne diesen Überfall noch ein paar gute Jahre hätte haben können. Ich hätte sie noch einmal gesehen, sie wäre vielleicht sogar zur Hochzeit meiner Schwester gekommen.. all das wird nun nicht möglich sein und es macht mich sehr traurig, ärgerlich, wütend... alles zusammen :)

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  3. Juliane (Roop Kaur)4. März 2012 um 08:12

    Liebe Thea, das tut mir so leid. Meine Oma ist schon lange tot und ich vermisse sie immer noch und wünschte, ich könnte sie anrufen. Sie war übrigens auch aus Schlesien und Schneiderin.
    Wie schade, dass du jetzt nicht nach Deutschland kommen kannst.

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    1. Danke Juliane :) Ich werde im September nach Deutschland fliegen, so bald meine Schwester das Datum kennt, an dem sie heiraten will. Ich kann es mir nicht leisten zweimal zu fliegen. Mein Großvater ist auch schon einige Jahre tot... aber mitunter fällt mir auch das noch sehr schwer zu akzeptieren.

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