14. September 2010

Von der Wohnungssuche


Ein Einkaufszentrum muß natürlich wie ein Farmgebäude aussehen in Vermont...

... die Tankstelle ebenfalls. (Nicht im Bild, die Fastfoodrestaurants nur stilecht mit Türmchen... )

Nach ein paar Tagen im absolut unkitschigen Kanada - Urlaub bin ich wieder zurück in der Farm- und Kuhhochburg Vermont oder auch Walt Disney's "Farmworld", wie einer meiner Mitreisenden beim Grenzübertritt meinte und möchte heute ein bißchen etwas dazu schreiben, wie wir letzlich unsere Wohnung im historischen Stadtviertel Old North End gefunden haben.
Nachdem wir lange erfolglos von Ottawa aus versucht hatten, eine Wohnung in Burlington zu finden, die alte Dame, die nicht an Inder vermieten wollte, hatte natürlich letzlich auch abgesagt, mussten wir mit Ankunft in Burlington so schnell wie möglich eine Wohnung finden, denn unser katzenfreundliches Hotel war sehr teuer.
Zuerst versuchten wir nach zwei Tagen in eine günstigere Pension umzusiedeln, aber die Besitzerin der kleinen Pension war bereits dement. Sie wollte uns eine Wohnung in der Gegend zeigen, die bald frei werden würde, stattdessen nahm sie uns auf eine Tour in ihrem Van durch das Stadtviertel, zeigte uns alle Apotheken, Pflegeheime und die Seniorenresidenzen, verfuhr sich dabei ständig und vergaß ununterbrochen, daß wir eigentlich ein Pensionszimmer mieten wollten. Sie hätte unsere Katzen zwar erlaubt, konnte Katzen aber selbst nicht ausstehen und so beschlossen wir nach dieser ziemlich erschütternden Tour lieber in unserem Hotel zu bleiben. Wie genau sie eigentlich noch in der Lage ist ihre Pension zu führen obwohl sie auch keine Lust zum Kochen und Frühstück zubereiten mehr hat, ist uns ein Rätsel.
Gottseidank konnten wir mit Hilfe eines Prepaid – Handys alsbald einige Wohnungsbesichtungs-Termine organisieren. Da ein Vermonter nie ans Telefon gehen würde, sondern nur seinen Anrufbeantworter laufen lässt, benötigt man ein Handy, um den Rückruf nicht zu verpassen.
Die erste Wohnung war nur ein dunkles Zimmer mit Bad in einem Haus für $ 850, wir lehnten dankend ab.
Am Dienstag hatten wir eine ganze Reihe an Wohnungsbesichtigungen mit einer Maklerin und einer weiteren Wohnung am späten Nachmittag mit einem anderen Makler. Es regnete den gesamten Vormittag und so stapften wir verdrossen von Bruchbude zu Bruchbude und sahen uns Wohnungen an, die so von Studenten gemietet werden. Viele dieser Wohnungen waren in unglaublich schlechtem Zustand, teilweise fehlten Fenster oder Treppenstufen zu den Wohnungen, manche Außentreppen neigten sich so sehr zur Seite, daß man nicht wußte, ob man diese überhaupt noch betreten darf. Die Wohnungen waren absolut zugemüllt, dreckig, stanken, hatten häufig nur eine Kochnische und Partykühlschrank ... es war deprimierend und dazu kostete jede dieser traurigen Zimmeransammlungen wesentlich mehr als unsere Wohnung in Ottawa. Solange die Studenten offenbar selbst das letzte Loch noch für viel Geld mieten, muß man als Vermieter kein Geld in ein Objekt stecken. Da wir dringend eine Wohnung benötigten, sendeten wir am Nachmittag ein Angebot für eine der besichtigen Wohnungen, auch wenn wir wußten, daß wir dort absolut nicht lange leben wollen würden.
Am späten Nachmittag dann sahen wir die letzte Wohnung des Tages und waren begeistert. Es gab Holzfußböden, Einbauschränke, eine echte Küche und die Fenster waren allesamt neu eingebaut. Nach all dem Sperrmüll, der uns den ganzen Tag über als Wohnungen angeboten worden war, war das eine echte Wohltat, auch wenn diese Wohnung ebenfalls Probleme hatte. Die Vormieter waren dem Vermieter weggelaufen und hatten die Wohnung in schlechtem Zustand hinterlassen. Sie hatten zwei Kinder, die sich offenbar überall austoben durften, so wurden die Wände mit Kugelschreiber bemalt, Fenstermalerei mit Nagellack versucht und die Heizungsverkleidungen auseinandergebaut. Am Schlimmsten sah die apfelgrün gestrichene Küche aus, denn diese war von oben bis unten ölverschmiert. Aber all das sahen wir als machbar an, schwieriger war da der Vermieter selbst, denn eigentlich wollte er seine Wohnungen nur noch an alleinstehende, gutaussehende Studentinnen vermieten. Das wußten wir aber schon vorher, denn durch einen Zufall hatten sowohl Anand als auch ich ihm eine e-mail bezüglich der selben Wohnung zugeschickt und während ich sofort eine (sehr nette) Antwort erhielt, wartet Anand wohl noch heute auf seine. Zuerst waren wir alleine mit ihm in der Wohnung und konnten sogar einige Fragen stellen, aber dann kam eine blonde, gutaussehende Studentin ebenfalls zum Termin und er verabschiedete sich sofort von uns und wir waren abgemeldet. Zumm! An diesem Abend war ich sehr deprimiert und überzeugt, daß wir keine Chance mehr hatten diese Wohnung zu mieten, obwohl wir sofort ein Mietangebot schickten. Aber wider Erwarten bekamen wir eine positive Antwort, eine Wendung der Dinge, die wir uns immer noch nur damit erklären können, daß die blonde Studentin nicht einziehen wollte und bereits am Mittwoch unterschrieben wir den Mietvertrag. Da wir sofort einziehen wollten, hatte der Hausmeister nicht viel Zeit die Wohnung auf Vordermann zu bringen, er reinigte und strich alles, wir bekamen sogar eine neue Küchenarbeitsplatte, aber für die Küchenwandfarbe reichte es nicht mehr. Das war dann für eine verbitterte Woche meine Aufgabe in der ich Schicht um Schicht Farbe auftrug, bis es endlich reinweiß erstrahlte.
Das Haus stammt aus dem Jahre 1900, dementsprechend haben wir ein winziges Bad, das sogar das kleine Bad im Haus meiner Eltern luxeriös erscheinen lässt und da es hier kein Kellerabteil zur Wohnung gibt, hatten wir am Anfang einige Stauraum – Probleme. So schleppte ich von Walmart und vom Lowe Baumarkt, Schuhregale und Faltabteile für den Kleiderschrank, sogar ein Plastiksteckregal für die Küche brachte ich auf dem Fahrrad her. Die Second Hand - Läden, die vorallem am Anfang so hilfreich in Ottawa waren, muß ich in Burlington meiden. Zum Einen sind sie winzig und zum Anderen hat Burlington nach Jahrzehnten in denen sie als ausgerottet galten, mit eine Bettwanzen – Plage epischem Ausmaßes zu kämpfen. Die Insektenspray – resistenten Wanzen sind selbst mit Kammerjägern sehr schwierig beizukommen. Da muss man sich eben hüten irgendwelche gebrauchten Gegenstände zu kaufen und hoffen, daß man nicht von irgendwoher sonst die Mohnsaat – großen Eier miteinschleppt. 




Unser Stadtviertel wird meist mit O.N.E. (Old North End) abgekürzt und gefiel mir von allen Vierteln der Stadt sofort am Besten. Es ist ein Viertel, in dem viele kleine bunte Holzhäuser stehen, man sieht immer Leute auf den Fußgängerwegen laufen, ganz im Gegenteil zu vielen Einfamiliensiedlungen der Vorstädte, wo niemand irgendwo hin läuft, sondern alle nur mit dem Auto fahren. Es ist ein sehr junges Viertel direkt neben der Innenstadt und dem See gelegen, mit seiner studentischen Bevölkerung, Künstlern aber auch Immigranten vorallem aus dem französisch – sprachigen Afrika, so daß wir auf unsere von Ottawa gewohnten Afrika Märkte nicht verzichten müssen. Wie aber auch schon Vanier, gilt es als schlimmstes und ärmstes Viertel der Stadt, so daß Anands Professor auch hier dachte, er müsse uns vor unserem grausigen Schicksal im Armenhaus der Stadt zu wohnen, bewahren und kurz vor Vertragsschluß versuchte eine „anständige“ Suburb – Wohnung für uns zu finden. Das mißlang, da anständige Wohnungen keine Katzen erlauben und so konnten wir ungestört mit dem Einzug fortfahren.
Burlingtoner denken, daß sie sehr tolerante Menschen sind und andere Rassen und Religionen problemlos akzeptieren. Was ihnen dabei nicht auffällt ist, daß es nahezu keine anderen Rassen oder Religionen in Vermont gab. Die Stadt war abgesehen von den Studenten schneeweiß und bereits pensioniert. 


Seit ein paar Jahren nun werden afrikanische Flüchtlinge in O.N.E. untergebracht, auf den Farmen arbeiten seit langem mexikanische Saisonkräfte und schon befürchten die guten Leute von Vermont den Untergang des Abendlandes. Mit dem vielleicht gutem Duzend schwarzer Familien im Stadtviertel, handelt es sich nunmehr um ein Ghetto vor dem man Angst haben muss, schließlich handelt es sich um traumatisierte Menschen aus Kriegsgebieten, die in Vermont weiter verwahrlosen werden, da es hier keine Arbeitsplätze (für Nicht – Weiße) gibt. Wenn sie einmal einen Blick zu ihren Nachbarn nach Kanada werfen würden, könnten sie sehen wieviel Unternehmergeist und wache Intelligenz in ihren neuen Immigranten steckt und wie bald schon afrikanische Läden und Restaurants das Stadtbild bereichern könnten.
Wir genießen dagegen unser Leben in diesem verruchten Viertel und die kurzen Wege überall hin, Anand kann sogar zur Uni laufen und so konnten wir bisher keine Probleme feststellen ... :)



1 Kommentar:

  1. Der Anteil an nicht- weißen Lehrern in Vermont liegt übrigens einer neuesten Studie zu Folge bei unter 0,4 % d.h. 99,6 % aller Lehrer sind weiß. Nicht die besten Voraussetzungen dem latenten Rassismus im Lande zu begegnen, vorallem wenn mehr und mehr Kinder von Immigranten stammen. Die Gründe liegen laut den Vermontern darin, daß 1. Nicht- Weiße nicht nach Vermont wollen, weil es zu kalt ist (Vermonter fühlen sich immer als quasi gleich neben Alaska gelegen, dabei erreichen die tiefsten Wintertemperaturen max. - 25°C, ein Witz wenn man die Winter in Kanada überstanden hat.) Und 2. befürchtet man einen Qualitätsverlust, wenn man nicht- weiße Lehrer beschäftigt... ja klar, wenn der Lehrer die Hautfarbe wechselt, dann wird automatisch die Lehrqualität schlechter... (Grrr... zensiert)
    Warum mich das als kinderlose Weiße überhaupt interessiert? Nun, in den zwei Jahren in Ottawa wurde ich nie angestarrt wenn ich mit Anand unterwegs war... aber jetzt passiert es, jedes Mal und es ist mitunter unangenehm. Natürlich ist das hier eine Kleinstadt, aber dann ist es auch eine Kleinstadt, die bereits seit 200 Jahren Universitätsstadt ist und ich hatte diese Situation so in einem gebildeten, reichen Ostküstenstaat nicht erwartet.

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