28. Oktober 2011

Sozialverhalten

Als ich A. kennenlernte lebte er in Berlin inmitten einer großen indischen Gemeinschaft, deren Aktivitäten sein Leben bestimmten.
Er brauchte sich keine Sorgen zu machen was am Wochenende passieren würde, da ohnehin zu viele Dinge organisiert wurden und die Frage war nur wie man all das kombinieren, welche Auswahl man treffen würde. Darüber beschwerte er sich, da er das Gefühl hatte, daß sein Leben durch andere vorbestimmt wurde (heutzutage nennt er es die beste Zeit seines Lebens). Mit mir änderte sich das... wenn wir uns jedes zweite Wochenende sahen, war Freunde besuchen ein Teil des Programms, aber eben nur für ein paar Stunden an einem Abend und nicht rund um die Uhr.
Ich bin selbst in meiner Eigenschaft als Norddeutscher kein besonders geselliger Mensch und brauche nicht hunderte an Freundschaften zum Glücklichsein. Das ist aber nicht mit unsozial zu verwechseln, denn ich lebe nicht als Einsiedler im Wald und spreche mit Bäumen, sondern mir reichen schlichtweg einige wenige, aber dafür gute Freunde um durchs Leben zu gehen. Damit umgehe ich auch die Ränkespiele, die sich in großen Gruppen immer einschleichen zum Thema Person N ist gerade doof und mit der reden wir nicht, während Person C eigentlich blöd aber trotzdem im Moment ein Superfreund ist, während die Personen D-G gerade nicht stattfinden, H-M nur ein bißchen usw. Das finde ich zu verwirrend.
A. schätzte diese Eigenschaften an mir, denn ich brauchte nicht notwendiger Weise große Gruppen an Menschen um mich herum um mich wohl zu fühlen. Was ihm offenbar nicht bewusst war ist, daß im Gegenteil große Menschengruppen mich unbehaglich machten.
In Berlin war ich es dann, die die Wochenend-Aktivitäten vorschlug, denn A. äußerte selbst auf Nachfrage selten eigene Wünsche... So gingen wir zusammen ins Kino, sahen uns Parks und Museen an, gingen Einkaufen... in gewisser Weise war es meine glücklichste Zeit unserer Beziehung... (A.s Meinung heutzutage dazu lautet: Immer musste ich nur alles machen was du wolltest.) Nach Indien, dem viele Menschen überall Overkill... ging es in Kanada ähnlich weiter, wir würden Freunde an ein oder zwei Abenden der Woche in einem Pub sehen oder etwas am Wochenende unternehmen, hatten aber auch ausreichend Zeit alleine zur Verfügung, um Essen zu gehen, um uns Independent Filme im Bytowne Cinema anzusehen, natürlich auch um Sachen zu erledigen, für die man nur am Wochenende Zeit hat. 

Dann kamen wir nach Burlington und wurden erneut Teil einer indischen Gemeinschaft und statt nach einer Balance zwischen Freunden und Familienleben zu suchen („Ich habe hier keine Familie sondern nur meine Frau“), waren es die unzähligen Freundschaften die Vorrang bekommen mussten. Nun war er es, der Aktivitäten häufig über meinen Kopf hinweg entschied und organisierte. Zuerst glaubte ich ihm, daß er tatsächlich vergessen hatte mich zu fragen, aber irgendwann schlich sich doch ein Muster ein: Am Freitag würde er alle möglichen Leute anrufen, etwas festlegen, organisieren und mir dann am Abend mitteilen, wie das Wochenende, der Ausflug, wer uns besuchen kommt usw. aussehen wird. Das konnte ich dann entweder schlucken, mitunter auch zähneknirschend, ... bei dringenden Erledigungen konnte ich es nicht. Auf Nachfragen i.S. von wann willst du dann Sache 1-3 erledigen oder glaubst du wirklich, daß ich kaum in der Lage frei zu atmen, den ganzen Tag umherwandern kann? ... kam dann der theatralische Umschwung... „ich kann natürlich alle Leute, mit denen ich seit einem halben Tag debattiere wer wen wann abholt wieder anrufen und ihnen absagen, das ist kein Problem...“ wohl wissend, daß ich das in den meisten Fällen nicht tun werde und stattdessen eher alleine losmarschiere und ihn machen lasse. 
Wenn es nicht anders geht, erfolgen dann - natürlich unter Hinweis auf die unverbesserliche Frau - die entsprechenden Anrufe, was meinen Ruf selbstverständlich immens verbesserte. A. erzählt mir regelmäßig, daß seine Freunde sich über ihn lustig machen, weil er auf seine Frau hört, sie haben sogar angefangen mich nur noch Madam zu nennen, während ich mich darüber wundere ob er sich schon immer so kindisch benahm oder die Entwicklung nur in den letzten Jahren rückwärts verlief.
Es half der Sache auch eher nicht, daß ich in einem entnervten Augenblick meinte, daß ich mit seinen Freunden überhaupt nichts mehr zu tun haben will, denn der Teufelskreis ist da... wir unternehmen Einkäufe bei Walmart zusammen, Waschmittel und Katzenstreu werden zu den seltenen gemeinsamen Momenten, während er mit seinen Freunden Filme ansieht und zum Grillen an den Strand fährt. 

In dieser Woche kam mit Diwali ein weiterer Höhepunkt des Dilemmas. Einige seiner Freunde hatten eine große Party in ihrem Haus veranstaltet und ich war krank. Am Wochenende beschlossen wir deswegen Diwali zu Hause zu feiern. Was ich nicht als zu wichtig wertete war, daß A. täglich mit den Einladenden debattierte, ob ich nicht doch gesund genug sei um an der Feier teilzunehmen.
Nun, ich war weniger krank am besagten Mittwoch und wir überlegten tatsächlich zu der Feier zu gehen, schon alleine weil man sich dann ums Abendbrot keine Gedanken machen musste... als er mir dann aber sagte wieviele Leute sich anläßlich des festlichen Ereignisses in deren Wohnzimmer tummeln würden, dachte ich nur Oh Gott, das wird schrecklich... alle reden hindi, A. redet mit allem und jedem und ich werde alleine auf der Couch sitzen und vermutlich das Times Magazine lesen und den Stundenzeiger der Uhr anhimmeln. Also sagte ich - unter Hinweis auf meine Gesundheit - ab (was nicht nur Feiglings-Verhalten war, schließlich wusste ich nicht, ob ich noch andere Leute anstecken konnte) und dachte mit dem vorherigen Plan - wir feiern zu Hause - weiterzumachen.
Ich hatte bereits vorher ein Diwali Geschenk für A. gekauft, hing eine der bunten Lichterketten auf, die ich mühsam von der Weihnachtsdeko fernhalte und die er so schön findet und dekorierte das Haus mit Öllämpchen und Kerzen um die Bauarbeiten in der Wohnung herum (das Sprinklersystem inklusive vieler schwarzer Rohre wird immer noch eingebaut...) ich kaufte alles für das Abendessen ein und wartete auf A. - Nun, das erhoffte Lächeln konnte ich nicht auf sein Gesicht zaubern, daß er jedoch absolut wütend und enttäuscht war, traff mich. Bis zu diesem Augenblick hatte ich schlichtweg nicht gewusst, daß er so dringend zu dieser Party gehen wollte, ich dachte Diwali feiert man in der Familie... aber richtig, er hat gar keine Familie hier... und im Kern findet das Fest eben nur statt, wenn viele Menschen um einen herum sind. Wir beendeten den Tag mit einem Riesenstreit, er teilte mir mit das schlimmste Diwali Fest seit 32 Jahren erlebt zu haben und dann ging er ohne etwas zu Essen ins Bett, während ich weinend die Dekorationen entfernte... für wen machte ich mir überhaupt die Mühe ... und die ganze Nacht nicht schlafen konnte. Wahrscheinlich eher aus Stress als wegen der Erkältung bekam ich einen der schlimmsten Asthmaanfälle seit langem, der nicht nur Mini-Blutgefäße in meinen Augen, sondern auch in Ohren und Kehle platzen ließ (weswegen meine Stimme erneute Reibeisen-Eigenschaften bekam) und ich fast schon symbolisch aus sämtlichen Kopföffnungen blutend  (keine Sorge nur ein ganz kleines bißchen blutend) gegen 6 Uhr morgens voller Erschöpfung endlich einschlafen konnte. Wahrlich ein dramatischer Abgang.
Am nächsten Morgen wollte A. ohne mich aufzuwecken zur Arbeit gehen, ich zwang ihn mehr oder weniger mit mir wenigstens zum Frühstücken zu Panera Bread zu gehen. Dort spielte er so lange mit seinem Ehering, bis dieser herunterfiel, davonrollte und beim besten Willen nicht mehr gefunden wurde... woran ich selbstredend auch schuld bin ...  
Das einzig Tragische oder Ironische an der Angelegenheit ist, daß eine Eigenschaft, die einmal als gut an mir eingestuft wurde: unabhängig, braucht keine Gruppen um etwas zu unternehmen, nun als so besonders niedrig und verachtenswert gilt, was mich mit einer gewissen Ratlosigkeit erfüllt: Ich-weiß-auch-nicht-was-man-da-machen-kann -Charakter-umoperieren-vielleicht...? 

Eine meiner Hoffnungen ist, daß wir Burlington in einem guten halben Jahr verlassen werden und mit einem neuen Freundeskreis auch wieder von vorne anfangen können, mit Leuten die eben nicht „wissen“ daß ich nur die Spaßbremse im Hause bin. Ein wenig befürchtete ich jedoch, daß das nichts ändern wird, wenn A. mir nachwievor die Position der „Bösen“ zuweist, die einzige die vernünftig, „erwachsen“ und „Nein“ sagen muss, wenn es erfordert ist :)

Kommentare:

  1. Auf Wunsch findet mein Mann ab heute in diesem Blog nur noch als A. statt. Das ist nicht besonders orginell, aber etwas Besseres fiel mir auf Anhieb auch nicht ein.
    Ich hoffe ich werde in Zukunft daran denken und nicht Ausversehen den kompletten Namen verwenden :)

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  2. hört sich ja nicht gut an...und bei deinem anfall hat er dir nicht geholfen...und was ist mit dem ring jetzt...

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  3. Nun, er hat geschlafen ... es hat mich zwar auch verwundert, daß ich ihn mit dem Anfall nicht aufgeweckt habe... Dauerhusten hat doch einen gewissen Lärmpegel... aber ich hätte mir sicher nicht die Blöße gegeben und ihn aufgeweckt... das hätte mir u.U. nur den Vorwurf eingebracht, es jetzt mit der Mitleidstour versuchen zu wollen :) und tja, wir haben überall im Café gesucht, unsere Telefonnummer hinterlassen, aber irgendwer war wohl schneller, der Ring ist weg.

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  4. Das ist fuer mich einer der kulturellen Unterschiede ueberhaupt, dass Inder es von Kindesbeinen an gewoehnt sind, dass immer viele, viele Leute um sie herum sind. Uns reicht es, wenn wir uns mit unseren Freunden am Wochenende oder ab und zu mal unter der Woche treffen, ansonsten ist fuer uns der Mittelpunkt der eigene Freund/Mann/kleine Familie.

    Ihm fehlt der "Rummel" um ihn herum, Dir die Zweisamkeit. In der indischen Familie waere klar, Du bist ein "Fall" fuer die weiblichen Hausmitglieder, waehrend er unbesorgt seiner "maennlichen" Wege gehen kann. So hat er mit dem Spagat zu kaempfen, der Euch beide irgendwie zerreist, scheint mir.

    Ich schreibe Dir eine Mail, alles andere waere hier im Blog zu privat.

    LG
    Kerstin

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