Als wir nach Vermont kamen, stellten wir alsbald fest, daß das Leben nicht so war, wie in Kanada.
Dort waren die Menschen weitesgehend aufgeschlossen gegenüber Neukommern und Einwanderern, in den USA waren sie jedoch im positivsten Fall ignorant - ansonsten verärgert.
Das lag nicht nur daran, daß z.B. gemischte Ehen wie die unsere, in vielen Staaten der USA bis vor wenigen Jahrzehnten nicht einmal erlaubt waren, sondern auch daran, daß Vermont der zweitweißeste Staat der USA (hinter Maine) ist. Es gibt hier schlichtweg kaum Nicht-Weiße und so reagieren die meisten Leute zwar nicht generell verärgert oder ungehalten auf andere Hautfarben, aber verlegen. Sie sehen lieber weg, als zu starren und sind darin so gut geworden, daß sie die meisten Menschen anderer Hautfarbe völlig ausblenden können. Zum Schutz der illegalen Farmarbeiter gibt es sogar eine Polizeiparole, die weggucken besagt, solange die Arbeiter nicht versuchen sich im öffentlichen Leben zu integrieren. Solange die Farmen sie ausbeuten können, wird ihre Anwesenheit geduldet, beginnen sie politisch aktiv zu werden, bzw. sind krank fliegen sie aus dem Land.... Toleranz, eben.
Vermonter glauben in der Tat, daß sie äußerst tolerante Menschen sind, hinterfragen diese Einstellung aber sehr selten.
Wenn man sich jedoch mit der Geschichte des Landes auseinandersetzt und feststellt, daß Italiener in den 1950ern genauso als Slumbewohner und Abschaum behandelt wurden und vor ihnen Franzosen und Iren, in den 1990ern Bosnier ihnen offenbar den Untergang des Abendlandes bedeuteten, wie heutzutage Bhutani, Iraker und Kongolesen zu kämpfen haben - so fragt man sich unwillkürlich, wieviel Rassismus steckt eigentlich in dem Verhalten. Die Leute sind äußerst veränderungsresistent, wie das bei vielen Landbewohnern der Fall ist... und rauhes, grobes Verhalten wird auch gegenüber der jungen, weißen Mutter an den Tag gelegt, die ein Tattoo am Arm hat oder ein Piercing im Gesicht. Daß die Arme hoch und runter tätowiert mittlerweile selbst bei Bankangestellten in den größeren Städten normal sind und die filigranen Kunstwerke Tausende an Dollarn verschlingen, interessiert niemanden, sie wird dennoch wie gerade aus dem Gefängnis entlassen behandelt.

Ich kann in dieser Welt relativ unsichtbar unterwegs sein, bevor ich nicht mit deutschem Aktzent spreche, falle ich nicht auf... doch A. geht hinaus und ist sofort als Ausländer sichtbar. Einige schlechte Erfahrungen haben ihn dermassen sensibilisiert, daß er Verrat und Rassismus mittlerweile überall sieht und erkennt. Vielleicht ist es auch so, daß die Verkäuferin ihn nicht grüßte, weil sie Ausländer hasst und nicht nur, weil sie keine Ahnung hat, ob er überhaupt ihre Sprache spricht und sich bequemer Weise fürs übersehen entschieden hat. Vielleicht ist es so, daß sich derjenige im Bus auf einen anderen Platz gesetzt hat, weil er es nicht ertragen kann neben ihm zu sitzen und nicht nur, weil er gerne zwei Plätze für sich und seine Tasche alleine haben wollte, vielleicht guckt der technische Angestellte im Gang der Universität auch nur in eine andere Richtung weil er Ausländer in höheren Positionen als seiner nicht mag und nicht weil als er A. an früheren Tagen versuchte zu fragen, ob sie zusammen Mittag essen könnten eine Abfuhr erhielt. Ich weiß es nicht... ich weiß nur, daß im Alltag häufig nicht die Zeit ist um Menschen aufzuklären und ihnen deutlich zu machen, daß ihr unbewusstes Verhalten mißverstanden bzw. verletztend wirken kann. Das funktioniert nur, wenn man Leute besser kennenlernt und sie Stück für Stück Vorurteile abbauen können.... zuerst i.S. von alle Ausländer sind doof, aber A,B und C kenne ich, die sind ganz in Ordnung und dann ganz langsam kommt ihnen die Erkenntnis, daß vielleicht in der Grundeinstellung ein Denkfehler vorliegt.... vielleicht kommen sie auch nie zu dieser Erkenntnis, vielleicht kommen ihre Kinder aber dahin, deren Schulgefährten aus Vietnam, Bosnien, Sudan, Somalia, Türkei, Kongo, Burundi, Irak, Bhutan und Burma stammen (die kürzlichen Haupteinwanderungs-Länder nach Vermont).
Die extreme Rassen-Sensibilisierung meines Mannes vergiftet ihn selbst jedoch immer mehr. Am Abend kommt er nach Hause um von den Verbrechen des Tages zu berichten, begangen an Nicht-Weißen, oder zumindest nicht so gut des Englischen mächtigen.
Vor zwei Tagen kam er z.B. damit: Ein junger schwarzer Mann steht zur Mittagszeit in der Kantine, ist an der Reihe und die Verkäuferin übergeht ihn und bedient die hinter ihm stehende Frau, die daraufhin zu ihm meint, warum steht er denn hier herum, wenn er eh nichts kaufen will. Daraufhin versucht er mit mangelnden Englischkenntnissen auszudrücken, daß er in der Tat etwas bestellen möchte. Für meinen Mann ist der Fall klar, Rassistenschweine alle beiden Weiber... Fuck you... möchte er ihnen zurufen, beschränkt sich jedoch auf finsteres Anstarren, was -Erfolgserlebnis- zumindest die Verkäuferin zurückzucken lässst. Zu Hause dann berichtet er lange und ausführlich von dem Vorkommnis und ein ganz klein wenig beginne ich mich zu fragen, ob es ihm überhaupt aufgefallen wäre, wenn stattdessen ein weißer Amerikaner im Mittagschaos vor der Theke vergessen worden wäre. Vielleicht ja, vielleicht hätte er auch gedacht, oh gemein - aber das kann passieren, bei all den Leuten, die hier herumstehen und gehen.
Meine Aufrufe zur Mäßigung und dem Versuch seine „Beweise“ auch in anderem Lichte zu sehen, prallen ab, ich möchte seine Erlebnisse auch nicht kleinreden obwohl mir das sofort unterstellt wird. Doch Schritt für Schritt widerfährt meinem Mann etwas, was auch anderen vor ihm geschehen ist: Er wird zu dem, was er bekämpft.
Es gibt natürlich auch offensichtliche Diskriminierungen, die man weder in anderem Lichte noch zurechtreden kann... so hat z.B. die chemische Fakultät der Universität nur weiße, amerikanisch-geborene Männer in ihren Professorenriege.