1. April 2011

Flashback Friday

Ich habe die letzten Tage versucht einen Beitrag darüber zu schreiben, daß meine Großmutter nachts in ihrem Haus überfallen und ausgeraubt wurde und jedesmal wenn ich anfing und nach Worten suchte um meine Sorge, Wut, Schmerz, Frustration nicht da sein zu können und letztlich auch Freude auszudrücken, daß sie lebt, fehlten mir die Worte. Stattdessen nahm ich nur die Schlüssel und machte lange Spaziergänge, die mich meist irgendwann an das Seeufer führten wo ich mich auf einen Stein setzte und blicklos auf die sich bewegenden Wasser-Eis-Massen starrte ...

Das sind die Nachrichten: http://www.ostsee-anzeiger.de/index.php?lg&m1=12&m2=0&type=det&cti=2562 und mehr werde ich dazu hier nicht schreiben.

Stattdessen habe ich dieses Bild gefunden... Sie wird das Foto wahrscheinlich nicht mögen, so wie sie die meisten Bilder von sich nicht mag, aber das ist die Oma meiner Kindheit, häufig in selbstgenähten Kleidern mit wilden 70er Jahre Drucken und zusammen mit meinem Großvater, der Ostsee, dem Haus und dem Sandberg hinter dem Haus, war sie das Gesicht all meiner Sommerferien...


Der größte Schatz im Haus (neben Opas Farbenschrank im Schuppen) waren ihre Kartons mit Stoffresten. Ich entsinne mich an zahllose Male, daß ich diese Kartons nach dem schönsten Stück durchsuchte um z.B. der Puppe eine Toga zu binden, denn Nähen konnte ich damals noch nicht.
Regelmäßig bekamen meine Schwester und ich Kleider und Röcke im Doppelpack genäht, die wir allesamt blöd fanden - Kleidung eben; ich hatte rappelkurze Haare und trug am liebsten Hosen, meine Schwester bevorzugte schon damals alles was gekauft und nicht selbstgenäht war. Ich erinnere mich an rosane Spitzenröcke mit Unterrock, an die Oma noch eine Schleifenbordüre aufgenäht hatte, auf der sie dann einzeln ausgeschnittene Spitzenblüten aufnähte und mit Perlen bestickte und wie geschossen ich darin aussah mit meinem militärischem Kurzhaarschnitt. Wenn ich an all die Zeit und Mühe denke, die es gekostet haben mag diese Röcke zu nähen, dann verkörperte ich das Wort „undankbar“ in Reinkultur. Und heute, wo ich die Arbeit schätzen gelernt habe, würde mir niemand mehr Spitzenröcke nähen und noch schlimmer, kann ich mir nicht einmal selbst Kleidung nähen, da ich nie die Bedienung einer Nähmaschine so erlernte, daß ich es behielt wo welcher Faden hin muß und wie man sich nach Möglichkeit nicht in die Finger näht. Ich nähe zwar einiges mit der Hand... aber das dauert und meine Projekte werden ewig nicht fertig.
Zurück zu dem Haus. Anand fragte mich, warum meine Oma überhaupt in einer so einsamen Gegend in Ahlbeck wohnt... aber das war nicht immer einsam... Es gab mit Frau Steudel unmittelbare Nachbarn, gegenüber befand sich das waldige Gelände eines Ferienheims des Mansfeld Kombinats, die dritte Seite war dem Parkplatz vorbehalten mit dem üblichen Kommen und Gehen und ganz toll den regelmäßigen Besuchen von Rummelplätzen und Zirkus. Nur die letzte Seite mit dem Sandberg war (m)eine kleine leere Wald-und Dünenregion über die ich im nächsten Flashback Friday schreiben werde. Mittlerweile sind Parkplatz und Sandberg verschwunden, stattdessen befindet sich jetzt dort die Therme samt Parkhaus mit Erdwällen und Hecken, die den Blick zum nächsten Nachbarn die Straße hinunter blockieren, das Ferienheim stand lange Zeit leer, in einem Teil befinden sich mittlerweile die Büros einer Reinigungsfirma, die wie die Therme nur am Tage besetzt sind. Das nächstgelegene Haus wurde zur Ferienwohnung einer Familie aus dem Norden Berlins, die höchstens am Wochenende und dann meist nur im Sommer vor Ort sind und schon kann man inmitten der zusammengewachsenen Orte Ahlbeck-Heringsdorf-Bansin leben und trotzdem nachts außerhalb der Rufweite von irgendeiner Menschenseele sein ...

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