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7. Juli 2017

Flashback Friday

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Statt Fotos gibt es heute ein Video aus unserer Zeit in Vermont, aus dem Jahr 2014.
A. hatte seinen Freund Owen lange bitten müssen, damit er uns einmal seinen irischen Dudelsack vorführt, der mit dem Ellbogen gespielt wird.
Falls die Zuschauer in dem Video eher müde wirken, so lag das jedenfalls nicht an der Musik, sondern weil es sehr warm war an diesem Tag und wir gerade voll im Umzugsstreß steckten :)

Ich denke immer noch gerne an unsere Zeit in Burlington zurück: Im Sommer mit einem gewissen Wehmut, daß man jetzt eben nicht am Strand liegen und die Seele baumeln lassen kann, im Winter mit großer Erleichterung, daß wir uns auch nicht mit den Schneestürmen auseinandersetzen müssen. 

5. Juni 2013

Jazz Fest 2013


Wie bereits in den vergangenen Jahren so beginnt auch 2013 der Sommer in Burlington mit dem Jazz Festival. Die meisten Studenten sind im Heimaturlaub und die Touristen übernehmen die Stadt.

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Für den ersten Freitag des Musikfestes spielten auf drei Bühnen verschiedenste Bands von 19 Uhr bis Mitternacht, während die meisten Restaurants ihre eigenen Bands gebucht hatten.

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Wie immer war Jazz dabei als sehr freier Begriff zu verstehen: Wer Angst hat stundenlangen Improvisationen eines in sein Instrument verliebten Bassisten zuhören zu müssen, konnte erleichtert aufatmen, Jazz vereint hier u.a. die klassische Rockband, mit Gypsymusik bis hin zur Salsagruppe ... und ja, Free Jazz gibt es trotzdem :)

25. September 2011

Konzert

Den Freitagabend verbrachten wir einmal mehr in der UU Kirche zum vorerst letzten Konzert der Church Street Concert Series. Die Standardanzahl von eine Handvoll Leuten pro Konzert, macht es der Kirche unmöglich, die Anreisen der auftretenden Pianisten zu bezahlen. An diesem letzten Konzerttag waren es immerhin 12 Leute im Publikum. 
Dazu muss man aber auch sagen, daß diese Konzerte zu den am schlechtesten beworbenen Konzerten in Burlington gehören. Man hört einmal ein Datum... irgendwann Wochen später soll ein Konzert stattfinden und dann kommt nie wieder was, selbst am Konzerttag rätselt man noch, ob das Konzert überhaupt stattfindet. Das machte die Serie zu einem so geheimen Geheimtip, daß schlichtweg niemand davon erfuhr.

Der Pianist des Abends, Dr. Nicholas Phillips fühlte sich sichtlich unwohl, ein Duzend Leute im Publikum war natürlich sehr wenig, es war heiß und stickig in der Kirche und zwei Lichter über dem Altar gingen an und aus, an und aus... ein offenes Fenster half etwas und ohne weitere Einführung, ohne „Hallo ich bin..“Worte setzte sich Herr Phillips ans Klavier und spielte Mozarts Sonate in F-Dur (K.332).
Bei den vorherigen Konzerten war es für das Publikum sehr interessant zu erfahren warum ein vermeintliches Standardwerk von einem Pianisten für das Programm gewählt wurde, was es für ihn/sie bedeutete, das war hier nicht möglich und so gab es auch keine Möglichkeit sich für die Person des Auftretenden zu begeistern. Da saß eben einfach jemand am Klavier und spielte Mozart. 
Zu den nächsten Stücken hörten wir immerhin ein paar Worte von ihm, denn die Musik des kroatischen Komponisten Boris Papandopulo ist schlichtweg völlig unbekannt. Ein wenig hörte man aus diesen Worten eine besondere Freude heraus neue Musik und Komponisten zu finden und in den USA bekannter zu machen, aber das kann auch von mir hineininterpretiert worden sein. Vor allem die drei Stücke aus Acht Tempo Studien von 1956 waren sehr toll, mit dem Stück Vivacissimo (welches mit der rechten Hand nur in den höchsten und der linken Hand nur in den tiefsten Tönen gespielt wurde) als Höhepunkt. 
Leider bewirkte zu dem Zeitpunkt bereits das offene Fenster seine Magie und hunderte Mücken überfielen die Kirche und ihre wehrlosen Opfer. Anstelle uns auf die Musik konzentrieren zu können, versuchten alle mit dezenten Abwehrbewegungen der Plage her zu werden...mit wenig Erfolg. Nach ca. 10 Mückenstichen und nachdem ich bereits im Schneidersitz auf der Kirchenbank saß, die Beine so gut es ging unter dem Rock begraben, bemerkte ich, daß die Pause bereits begonnen hatte und der Pianist nicht einmal mehr im Raum war. 
Nach der Pause ging der Abend mit Robert Schumanns Symphonischen Etüden zu Ende. Dabei bemerkte das Publikum immer häufiger ein gewisses charakteristisches Zucken des Pianisten. Auch er wurde von den Mücken nicht verschont... und ab dann hasste er vermutlich den Abend. Trotzdem kam er tapfer durch alle Etüden, bis zur letzten der 12. ab der plötzlich alles schief zu gehen schien. Ich kenne diese Stück von Schumann nicht, bin aber recht vertraut mit seiner Harmonik und da funktionierte einiges nicht mehr. Leider scheint Herr Phillips jemand zu sein, der wenn er einmal anfängt falsch zu spielen auch den Rest des Stückes komplett verhaut und so klang das Finale wesentlich „moderner“ als vom Komponisten geplant... nunmehr hasste sich der Pianist wohl auch selbst. Nach dem Schlußakkord verließ er fluchtartig den Raum und fühlte sich erst nach einer Minute in der Lage zurückzukehren und das unschlüssig auf den Sitzen verweilende Publikum zu verabschieden. 
Nach diesem seltsamen Ende, verließen wir im Nieselregen die Kirche, unsere übliche Kneipe war zu voll und so probierten wir eine andere aus (traue nie leeren Kneipen an einem Freitag Abend.) Es gab nur Flaschenbier, das teilweise schon mehr als eine Jahr überlagert war, das Essen (selbstgemachte Kartoffelspalten mit Chili con Carne und Käsesoße) war interessant, aber der nächste Tag quittierte mir das alte Bier mit einer megadicken Migräne... Fazit: In dem Abend war wirklich der Wurm drin. 

Nicholas Phillips spielt Boris Papandopulo:

11. September 2011

Konzert

Am Freitag abend war es einmal mehr so weit: Ein Konzert der sich langsam etablierenden ‚Church Street Concert Series’ lockte uns in die UU Kirche.
Dieses Mal spielte Michael Arnowitt, der vermutlich bekannteste (und fast blinde) Pianist aus Vermont unter dem Programmpunkt ‚From East to West’. Das beinhaltete westliche Komponisten, die von östlicher Musik beeinflußt wurden, wie z.B. Debussys ‚Pagodas’ von indonesischer Musik und Gustav Mahlers ‚Der Einsame im Herbst’ von chinesischer Lyrik, östliche Komponisten aus Japan und der Türkei, die wiederum vom Westen beeinflußt wurden sowie russische Komponisten, die diese Ost-West Gegensätze zusammen mit slawischen Deutungen allesamt in sich vereinigen. Darunter natürlich Alexander Scriabin, der wie schon von Kawai Chan so auch von Arnowitt als verrückt aber genial (ein-)geschätzt wurde.
Die Kirche war zum ersten Mal recht gut gefüllt, die Gäste lachten zu den Nicht-Witzen des Pianisten und dem frenetischen Applaus nach jedem Stück zu folgen verbarg sich dahinter eine aktive Verehrerinnen-Gemeinde.
Michael Arnowitt ist der erste Pianist der Reihe, der ausschließlich als Konzertpianist arbeitet und nicht nebenbei noch Lehrer, Professor, Klavierstimmer, Klavierbauer usw. ist, gleichzeitig schien er aber auch das größte Allgemeinwissen neben der Musik zu besitzen. Seine Idee für das Programm kam z.B. von einem Erlebnis seines Vaters, der als Physiker einen indischen Kollegen zu einer Beethoven Symphonie begleitete, wo sich selbiger Kollege dezent langweilte und vorallem die Rythmen zu vorhersehbar fand. Das führte zu einem Interesse für klassische indische Musik und letzlich zu diesem Programm. Ohne Frage war Anand damit sehr zufrieden und freute sich auf einen Abend der musikalische mit intellektueller Herausforderung kombinierte, sowie über den berühmten Tellerrand klassisch- europäischer Musik hinausschaute.
Das erste Stück des Abends Peter Feuchtwangers ‚Tariqa 1’ war von iranischer Musik inspiriert und funktionierte irgendwie nicht. Wo man sich aufgrund der Melodie bärtige Herren auf dem Boden sitzend auf Trommeln und Sitar-ähnlichen Instrumenten musizierend vorstellt, kann das Klavier nicht mithalten. Eine Taste vereint einfach nicht die Klangvielfalt einer freischwingenden Saite. Danach folgte Mozarts Rondo alla turca, was der Pianist erstaunlich leise und punktiert spielte. Aber es lag offenbar nicht in seiner bescheidenen, vergeistigten Persönlichkeit, den üblichen Boom-Boom Faktor zum gloriosen Ende auszuspielen.
Claude Debussys ‚Pagodas’ war genau die träumerische Wohlfühlmusik, die man sich unter so einem Titel vorstellt, Toru Takemitsu folgte dem mit ‚Rain Tree Sketch’. Danach kam das Werk „Black Earth“ des türkischen Komponisten Fazil Say. Die Komposition war von der Poesie eines blinden, osmanischen Dichters inspiriert und vereinte traditionellen türkische Elemente mit Jazzmusik. Alles was bei Feuchtwangers Werk nicht funktionierte war nun vorhanden und um die traditionelle Musik darzustellen, wurden Teilstücke direkt in den Saiten des Flügels gespielt. Der Effekt war so sehr im Kontrast zu allem was traditionelle Klaviermusik ausmacht, daß sich alle einig waren gerade das beste Stück des Abends gehört zu haben.
Nach der Pause ging es weiter mit Gustav Mahler, was dem Pianisten sehr viel bedeutete, aber er konnte das Interesse daran nicht so ganz in seinem Publikum wecken. Ein Teilstück aus einer chinesischen Oper folgte und war wunderschön gespielt. Es ist offenbar problemlos möglich traditionelle chinesische Musik auf einem Klavier darzustellen.
Für Scriabins ‚Sonata No.9 - Schwarze Messe’ wurde es dunkel im Raum. Fast ohne Licht versuchten wir uns auf die Besonderheiten dieser musikalischen Geisterbeschwörung zu konzentrieren, aber gegen 10 Uhr abends funktioniert das mit dem Konzentrieren bei mir nicht mehr so richtig gut und ich wurde einfach nur sehr müde.
Drei kurze Jazzstücke von Nikolai Kapustin weckten mich zwar wieder auf, aber ich war danach kein bißchen traurig, daß der Abend vorüber war. Dieses monumentale Programm forderte nicht nur den Pianisten sondern auch einiges von seinen Zuhörern.
(Beim Hinausgehen verabschiedete uns der Kirchenverantwortliche mit einem freundlichen „Na dann, bis zum nächsten Mal“ offenbar gehören wir bereits zum Inventar... )
Mit dem Gefühl etwas vollbracht zu haben, setzen wir uns in die nächste Bar. Diese war aufgrund eines Polizeieinsatzes äußerst leer und so hatten wir keine Probleme Sitzplätze an einem Freitag Abend zu bekommen. Nach einem Glas ‚Switchback’ (dem einzigen Vermonter Bier, das nur vom Fass kommt) und einer kurzen ‚Das-Beste-war’ Diskussion fühlten wir uns dann ausreichend für den 5-minütigen Heimweg gestärkt... :)

Mehr zu Michael Arnowitt findet man in Wikipedia sowie auf seiner Homepage: www.MAPiano.com

Das nächste Konzert der Reihe findet am Freitag, dem 23. September 2011, 20:00 Uhr statt. Dann mit einem Pianisten aus Wisconsin, dessen Namen ich leider vergessen habe.

14. August 2011

Konzert


Am Freitag abend besuchten wir das kostenlose Konzert der Pianistin Kawai Chan in der UU Kirche. Während sich am Seeufer die Menschenmassen prügelten um $35 pro Person für Damien Marley und andere Musiker zu bezahlen, erschien nur eine Handvoll älterer Herrschaften um sich eine Weltklasse-Pianistin anzuhören, die ohne Eintrittspreis auftrat. Anand und ich waren die Jüngsten im kleinen Publikum, mit Abstand.
Kawai erklärte jedes ihrer Stücke, bevor sie sie spielte, die wahrscheinliche Stimmung des Komponisten, als er das Stück schrieb, warum es für sie interssant war und machte den Zuhörer auf Besonderheiten aufmerksam. Das erinnerte mich sehr an ein ähnliches Konzert in Schwerin, wo der Dirigent auch jeweils zuerst erklärte was passieren würde und dann spielte. Das Resultat war, daß man selbst wenn man mit einer Sonate eben nicht vertraut war, sich dennoch freute die hervorgehobenen Besonderheiten tatsächlich heraushören zu können. Der Zuhörer sitzt nicht einfach nur da und konsumiert Musik, sondern er hat die Aufgabe konzentriert zuzuhören.
Kawai hatte eine besondere Art zu spielen, mit fast nicht sichtbaren Bewegungen der Hände an sich. Diese schienen ausgestreckt über dem Klavier zu ruhen, und nur Wellenbewegungen der Finger spielten. Ich habe das heimlich versucht nachzuahmen, aber ich kann keinen einzigen Finger bewegen ohne daß die Handknöchel nicht auch hochkommen. Sie spielte genauso „liquid“ routiniert, perfekt wie die Bewegung ihrer Finger... vielleicht etwas zu routiniert, fast schon gelangweilt von einmal mehr Beethoven und Chopin. Mit Ravels ‚Miroirs’ änderte sich das langsam, Alexander Scriabins erste Sonate war voller Gefühl, das Trauerthema zum Abschluß tieftraurig, aber das letzte Stück des Abends William Bolcoms „The Serpent Kiss“(Rag Fantasy) riß alle aus ihrer Zuhörer-Starre. 
Das Stück ist das Mittelstück der „Garten Eden“ Triologie und handelt vom Kampf Gut gegen Böse, den in diesem Fall Böse gewinnt. Es ist vierhändig, für zwei Klaviere geschrieben worden, die Bearbeitung für einen Pianisten ist extrem anspruchsvoll und daß man während des Stücks auch noch mit dem Fuß aufstampfen, manchmal Pfeifen und trommeln muß, macht es nicht einfacher. Sie jagte das Publikum in einem wahren Höllenritt durch Bolcoms Stück und schien zum ersten Mal wirklich Spaß am Spielen zu haben.
Am 9.September findet das nächste Klavierkonzert in der Kirche statt (Michael Arnowitt spielt), dann sicher wieder mit uns im Publikum :)

Ich habe versucht im Internet ein Video von Bolcoms Stück zu finden, aber alle Interpretationen mit einem Pianisten waren nicht gut genug. Frauen spielten alles so weich und lieblich, Männer alles zu energisch, letzlich habe ich diese vierhändige Interpretation gefunden, die ähnlich ist und die charakterische Frage-Antwort, Gut-Böse Geschichte ebenfalls hervorhebt:

7. Juni 2011

Nachbarschaftsangelegenheiten


Gestern abend spielte unser Klavierlehrer/Pianist/Radiomitarbeiter-Nachbar in der Unitarian Universalist Kirche, die sich drei Minuten Fußweg von unserem Haus entfernt befindet. Sein letztes Konzert war in einer anderen Stadt und damit für uns schlecht erreichbar gewesen, deswegen beschlossen wir nun zu diesem zu gehen. Es sollte um halb 8 beginnen, also waren wir ca. 10 Minuten vorher da. Nichts deutete daraufhin, daß innerhalb der Kirche ein Konzert stattfinden würde, keine Plakate, Hinweisschilder, fand es überhaupt statt? Wir brauchten sogar eine Weile, bis wir feststellten, daß man durch die Hintertür gehen musste. Im schlichten Kirchenschiff war dann aber der Nachbar mit seinem technischen Mitarbeiter damit beschäftigt jede Menge technisches Gerät aufzubauen und auf Besucher zu warten. Etwas später kamen noch zwei weitere Bekannte des Nachbarn, dazu gesellte sich ein Kirchenverantwortlicher und damit hatten wir die Endzahl des Publikums für diesen Abend erreicht. Die Kirche ist ein wenig die christliche Variante des islamischen Sufism und versteht sich als offen sämtlichen Randgruppen und auch anderen Religionen gegenüber. Dazu war es heiß im Holzraum mit den großen Fenstern... ich kenne nur Kirchen in denen es eiskalt ist, ich wurde noch nie in einer gekocht. Um Publikum anzulocken und die Temperaturen erträglicher zu gestalten wurden daraufhin die Haupttore geöffnet, das half mit der Hitze, lockte aber in Folge nur Moskitos an. Offenbar war die Stadt nach einem Wochenende voller Jazzmusik (der gerade andauernden Jazzwochen)... an einem Sonntag Abend durchaus gesättigt. Wir warteten noch eine halbe Stunde länger, zwischendurch verkündete der Nachbar uns nur, daß es lächerlich sei vor fünf Leuten zu spielen, er bräuchte Publikum... wir konnten aber auf die Schnelle keins besorgen. Irgendwann begann er dann doch zu spielen, W.A.Mozarts Variationen zu „Ah vous dirais-je, Maman“ (eine ähnliche Melodie wie von „Morgen kommt der Weihnachtsmann“). Die Noten las er dabei nicht in der gewohnten Weise von Blatt, sondern er hatte den eigentlichen Notenständer entfernt und legte lange Reihen von jeweils vier Blättern in den Flügel, woraus sie dann jeweils nach Beendigung herausgeworfen wurden. Das sah wild aus, schien aber System zu haben. Apropos wild, unser Nachbar läuft am Liebsten mit einer roten Pudelmütze auf dem Kopf herum, die zu allen Jahreszeiten getragen wird, das kombiniert er meist mit einer blauen Jacke, äußerst locker hängenden alten Jeans und Flip-Flops, deren ursprüngliche Farbe nicht einmal mehr erahnt werden kann. Wir hatten uns schon gewundert, wie die übliche Pianistenkluft mit ihm in Einklang gebracht werden konnte, nun gar nicht... aber immerhin, er hatte Jacke und Mütze weggelassen. Das Erlebnis dessen in einer fast-leeren Kirche zu sitzen und jemanden klassische Musik spielen zu hören, der aussieht, als wenn er gerade aus der nächsten Kneipe entliehen wurde, war fast surreal. Nach dem ersten Stück erklärte er uns den Flügel, der seines Wissens nach, das einzige Instrument in Vermont ist, daß „wohltemperiert“ gestimmt ist (im Gegensatz zum Regelfall der gleichgestimmten Pianos... ) und konnte mit Hilfe eines gleichgestimmten Digitalpianos die Unterschiede im Klang verdeutlichen, wobei wohltemperiert jeweils gefälliger klang (aber dann klingt ein Steinway Flügel eben auch in jedem Fall besser als das beste Digitalpiano). Nach dem verspielten Mozart ging es nun weiter mit Beethovens Sonate Op.10 Nr.3, die mich in manchen Teilen immer sehr an Filmmusik aus „Herrn der Ringe“ erinnert (Ich bin schlecht, ich weiß) gefolgt von Bachs klarer, schnörkelloser Partita in B-flat Major, was ich mit H-Dur übersetzen würde? Ich mag Bach, wenn ich dessen Musik in ihrer Klarheit höre, beginnen meine Gedanken und Erinnerungen zu fliegen. Ich denke an meine Familie und lange Autofahrten mit den Brandenburgischen Konzerten im CD-Player, schreibe mir „Nach Hause telefonieren“ auf die Hand und dann ist da natürlich auch noch Peter Ustinovs Frage in dem Buch „Der Alte Mann und Mister Smith“ ob Gott Bachs Musik überhaupt mag.
In der Pause erklärte uns der Kirchenverantwortliche wie die Gemeinde zu dem ca. 1920er Jahre Steinway-Flügel gekommen war. Sicher genug hatte unser guter Nachbar regelmäßig Empfehlungen für den Pianokauf gegeben, die jahrelang ignoriert wurden, bis dieses wenig gespielte Piano auf den Markt kam. Nachdem er es Probe spielte und fand, daß es das beste Instrument sei, daß er in Vermont je gespielt hätte und da es einen vernünftigen Preis hatte, konnten sie ihm diesmal nicht widersprechen und der Flügel wurde gekauft.
Nach der Pause ging es weiter mit dem modernen Stück Starry Night von Dennis Báthory-Kitsz, das bisher nur einmal gespielt worden war und sozusagen Weltpremiere auf dem wohltemperierten Klavier feierte. Bei dem Stück geht es um den Klang, den man hört sobald ein Ton angeschlagen wird, denn z.B. selbst ein tiefer Ton hat einen Nachklang von mindestens zwei weiteren höheren Tönen. Am Anfang dachte ich nur hm,hm aber letztlich verstand ich (vielleicht) was mit diesen Klangbildern erreicht wurde und war eigentlich ziemlich begeistert. Das letzte Stück des Abends fiel zusammen mit dem höchsten Grad von Müdigkeit meinerseits, es war gegen 10 Uhr, Schlafenszeit. So verschwammen mir die Augen völlig ungerechtfertigter Weise bei Chopins Sonate in B-Moll, Op.58. Das Stück wurde absolut sicher und technisch perfekt gespielt in einer Weise, die Wettbewerbsüben vermuten ließ. Gottseidank schafften es die dramatischen Bestandteile der Sonate mich sicher wieder aufzuwecken und danach hatte ich auch den Punkt müde zu sein überwunden.
Nach dem Konzert wurde das ganze technische Zeugs wieder verpackt, die Mikrophone landeten dabei sicher in Munitionskästen, die von Ian, unserem über uns lebenden Nachbarn stammen und dann lud Joe, unser Nachbar sein gesamtes Publikum zur Nachfeier in sein Haus ein. Kunststück bei fünf Leuten. Der Kirchenverantwortliche verneinte höflich und freute sich schon auf sein Bett. Wir anderen gingen derweil zu dem kleinen Häuschen in unserem Hinterhof. Da Joe derzeit seine Schlüssel vermisst, musste er durchs Fenster einsteigen um uns die Tür öffnen zu können, die verschwundene, wiederaufgetauchte Katze begrüßte mürrisch alle Neuankömmlinge und die erste Flasche Rotwein wurde geöffnet. Da das Haus zur Zeit in eine Art funktionstüchtiges Technikmuseum verwandelt wird, befindet sich alles in wildem Umbau, mit der zugestellten Terrasse und Möbeln über den nächsten Innenhof verstreut, wurde das Platzangebot etwas gering. (Doris, die alte Dame des Hinterhofs ärgert sich derzeit jeden Tag darüber... ) Er erklärte, demonstrierte den anderen Gästen all seine „Spielzeuge“ während wir diese Haustour schon hinter uns hatten und uns stattdessen in der Küche mit dem technischen Mitarbeiter und auch dem Mitbewohner unterhielten. Dieser Mitarbeiter ist mir bereits den ganzen Winter aufgefallen, denn auch wenn er nur Schnauzer und keinen Vollbart trägt, erinnert er mich immer so sehr an Petterson von ‚Petterson und Findus’ und er ist nett (ich wünschte ich könnte richtig gut zeichnen). Wir unterhielten uns über Rezepte, das Leben, Gott und die Welt und auch der Mitbewohner, mit dem wir uns noch nie unterhalten haben, gerade einmal wussten daß er existiert, stellten sich als sehr freundlich heraus. Und er meinte, ich wäre doch diejenige, die sich als Einzige gerne mit Doris unterhalten würde (Ich hatte glaube ich schon einmal erwähnt, daß die meisten Männer Angst vor ihr haben... :D) Nach einiger Zeit verließ der Rest des Publikums das Haus, Anand brachte noch etwas Bier von uns mit nach unten (kanadisches, was allgemein bemängelt wurde...:) wir aßen Kasserolle und sahen zu wie der Nachbar langsam in seine Alkoholpersönlichkeit wechselte. Das war für uns nichts Neues, es ist quasi meine Wochenend-Einschlafmelodie (aufgrund des geöffneten Schlafzimmerfensters) zu hören wie der relativ ruhige, langsam sprechende Mann zu einem schnell sprechenden Menschen wechselt, der fast religös seine (politischen) Meinungen an den Mann bringen will und außerdem jeweils äußerst verärgert ist. Leider hatte für den unbedingten Glauben an Meinungen niemand in der Küche den richtigen Fan-Publikums-Charakter und so sahen wir anderen uns nur an und sagten etwas wie: Duh. Dem Nachbarn ist es jedoch äußerst willkommen, wenn man ihn für verrückt halten könnte und so setzte er sich einfach noch eine Weile an den Flügel in seinem Haus und spielte nunmehr völlig stressbefreit auf. Da es bereits zwei Uhr morgens war, machten wir uns endlich auf den kurzen Heimweg und sicher genug, wurde ich nach vier Stunden von zwei auf mir tanzenden weißen Katzen aufgeweckt... es ist 6 Uhr, du musst jetzt aufstehen, viel Spaß an diesem Montag danke.

5. Juni 2010

US-Botschaft und Unity Festival (Eingestellt am 05.06.2010)

In der Nacht vor unserem Termin bei der us-amerikanischen Botschaft konnte ich kaum schlafen, so viele Dinge gingen mir durch den Kopf, mögliche Szenarien an was und wie unsere zahlreichen zu stellenden Anträge scheitern könnten, was wir doch noch übersehen haben etc. Leider ist das US-System bei weitem nicht so gut organisiert wie das kanadische und so kann der Teufel auch schnell im Detail stecken.
Morgens machten wir uns auf den Weg, vor Schreck hatten wir ein paar Kopien vergessen und mussten erst einen bereits geöffneten Copy-Shop finden... das gelang und konsequenterweise fragte niemand in der Botschaft nach diesen Kopien. Wir hatten sämtliche Sicherheitshinweise verinnerlicht, so kamen wir ohne Tasche, Jacke, Portemonnaie, versuchten so metallfrei wie möglich zu sein und waren nicht eher als 15 Minuten da aber auch nicht später. Brav warteten wir in der Schlange vor dem Eingang, in der die ersten Besucher bereits abgewiesen wurden, da sie doch eine Handtasche dabei hatten. Nach dem Passieren der ersten Hürde ging es zu den Laufbändern und Metalldetektoren, wie man das auch vom Flughafen kennt. Die nächste Schlange war eine generelle Überprüfung unserer Unterlagen, ob wir alle Originale dabei hatten etc. und wieder wurden Leute nach Hause geschickt, die US-Bürger wurden an dieser Stelle aussortiert und bekamen ihren eigenen (VIP)Raum zugewiesen und wir durften zur nächsten Warteschlange vorrücken. Nun wurden die Zahlungsbelege einbeordert, wir bekamen eine Nummer zugewiesen und durften uns in den gut gefüllten Warteraum setzen. Botschaftsangehörige von anderen Botschaften konnten nun in einen eigenen Raum wechseln.
Nach einiger Zeit wurde unsere Nummer aufgerufen und eine nette Dame aus der Schweiz digitalisierte unsere Fingerabdrücke. Nun begann eine längere Zeit des Wartens, am Kopfende des Raumes befanden sich drei Fensterchen zu denen die Antragsteller zum jeweiligen Gespräch aufgerufen wurden, Privatspähre konnte man dort nicht erwarten. So konnten wir während der Wartezeit den Anträgen der anderen Leute lauschen und schon einmal unsere Antworten vorbereiten.
Die meisten Antragsteller an diesem Freitag Vormittag stammten aus dem indischen Raum, danach kamen Haitianer, gefolgt von vielen spanischsprechenden Leuten. Dabei gilt, daß Spanisch zwar (noch) keine offizielle Sprache in Amerika ist, aber alle Botschaftsangehörige fließend spanisch sprechen. Die drei Interviewer waren sehr unterschiedlich, es gab die mütterliche Dame, die sehr langsam arbeitete, aber sehr nett fragte, ein junger Mann, der je nach Anlaß nett oder unfreundlich wurde und ein älterer „Hardliner“ der zu jedem unfreundlich war und die meisten Leute abwies. Da die Dame nur Studentenvisa zu betreuen schien, waren wir guter Dinge bei ihr zu landen, denn Anands Visa ist auch eine Art Studentenvisum, trotzdem beteten wir, daß es uns nicht zu dem Hardliner verschlagen würde. Unser Gebet wurde erhört und so traten wir zu unserem Interview vor. Wir hatten alle notwendigen Anlagen etc. dabei, sie überraschte uns mit vielen Fragen zum kanadischen Arbeitsverhältnis, was eigentlich vorher ausgeschlossen wurde, aber nur für den Fall hatte Anand dennoch die entsprechenden Unterlagen parat (Gottseidank) und nach zehn Minuten Gespräch waren wir entlassen mit der Aussage, daß sie grundsätzlich keine Bedenken gegen eine Visa-Erteilung hat. Die Anträge werden nun weiterbearbeitet, wir werden sehen, was wir vielleicht noch später zuschicken müssen... und in ca. 8 Wochen sollten wir unsere Pässe und das entsprechende Visum zurückerhalten.
Nach drei Stunden konnten wir nun die Botschaft verlassen und feierten diesen Etappensieg mit einem frühen Mittagessen beim Libanesen mit Chicken Shawarma und Baklava. 


Am Abend des gleichen Tages besuchten wir das Unity-Festival, das organisiert wurde um Gelder für eine Familie in Not aus Ottawa zu sammeln. Beverly Sunday und Joe Sayer vom Stamm der Cree waren an der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele beteiligt. Als sie von dort zurückkamen, hatten sie nicht weit von ihrem Haus entfernt mit dem Auto einen Unfall den beide mit schweren Kopfverletzungen überlebten, sie hatten keine Krankenversicherung.
Um ihre Behandlungskosten zumindest etwas zu decken und gleichzeitig das Leben ihrer drei Kinder abzusichern, so lange sich die Eltern in Reha-Maßnahmen etc. befinden, fanden seitdem eine Reihe an Veranstaltungen statt. Erfahren hatte ich vom Schicksal der Familie durch etwas ungewöhnliche Art, denn eine Freundin aus Berlin, die gleichzeitig eine Freundin in Ottawa hat, schickte dann wiederum an mich diese Information die sie erhalten hatte, so daß mit Hilfe des Internets und über den Deutschland-Umweg die entsprechende Information letzlich auch mich erreichte... Eine frühere Kunstausstellung konnte ich nicht besuchen, aber Anand und ich waren uns einig, daß wir gerne dieses Festival besuchen wollten, das von der indianischen Gemeinde organisiert wurde.
Sicher gäbe es immer viele andere Dinge, für die es wahrscheinlich viel wichtiger wäre zu spenden, aber dann kennt man die Leute nicht und weiß auch nicht in welchen Organisationsstrukturen das Geld versickert und so kam es uns einfach und direkt vor. Zudem hatte Anand während der Zeit in Ottawa eine lebhaftes Interesse an den Kulturen der Ur-Einwohner entwickelt (und das ganz ohne mein Zutun, er sieht einfach die Gemeinsamkeiten des britischen Kolonialreichs...) zum Anderen versprach eine Menge an Bands und Musizierenden ein abwechslungsreiches Programm.
Der Abend begann mit einer stillen Auktion und der Erkenntnis, daß wir ziemliche Aussenseiter sind, denn jeder schien jeden zu kennen und hatte zumindest irgendeinen Bezug zur Kultur der Ur-Einwohner. Sogar ein paar Stammesälteste waren gekommen und mit Shawn Atleo, dem Vorsitzenden der "Assembly of First Nations" sozusagen der Oberhäuptling und wichtigster Vermittler zwischen den Stämmen und der kanadischen Regierung.
Mit halbstündiger Verspätung begann die Show mit dem Einmarsch der Tänzer, was ein farbenprächtiges Spektakel war... Leider hatte ich nur meine kleine Kamera dabei, da wir nicht wußten ob Fotos überhaupt erlaubt sein würden, nun es wäre kein Problem gewesen... aber die Bilder waren sehr schlecht, so daß ich mich auf kurze Videos verlegte. Der Abend war familiär gestaltet, viele Künstler traten mit ihren Kindern auf, was die Atmosphäre zusätzlich belebte. Einige Songs handelten von den Nöten der Ureinwohner, so sang Jonathan Maracle von dem Reservat in Kanada, das zeitweise der Ort mit der weltweit höchsten Selbstmordrate war und als der Standup Comedian Don Kelly erklärte wie er Thanksgiving feiern würde: „Mein weißer Nachbar kommt in meine Wohnung, beschließt, daß es nun seine wäre und gibt mir eine Reservat in der Nähe der Katzentoilette...“ konnten viele im Saal nicht einmal so richtig darüber lachen...
In der Pause dann wurde an Anand eine Frage gestellt, in der er prompt in Verlegenheit geriet. Ein junger Algonkin-Indianer fragte ihn: „Are you Indian?“ was auf englisch sowie Inder als auch Indianer bedeuten kann. Wissend, daß die ehrliche Antwort in diesem Fall falsch gewesen wäre, half er sich mit einem „Nun ja, ich komme aus Indien“ aus der Klemme... was spontanes Gelächter bei dem Fragenden auslöste.
Nach der Pause wurde das Programm ruhiger, die Reihen leerten sich, das Bühnenlicht wurde auf ein bläuliches Schimmern reduziert und so langsam machte sich die schlaflose Nacht und der lange Tag bei mir bemerkbar. Nach einem fantastischen Abschluß mit der Musik von Lucie Idlout endete der Abend gegen 11 Uhr und durch einen glücklichen Zufall bekamen wir sofort einen Bus der uns nach Hause bringen sollte... Es war ein toller Abend, mit sehr viel guter und auch sehr viel neuer Musik, es wurden 9022,06 $ für die Familie Sunday-Sayer eingenommen.... und ich war absolut und rechtschaffen todmüde.... :)
Das ist der Link zu einem Bericht und kurzem Video, des Fernsehsenders CTV über das Festival (nein, wir sind nicht im Bild.. )

und die zwei youtube-Videos zu denen ich meine Menge an Minivideos zusammengeschnitten habe:



9. Mai 2010

Carmina Burana (Eingestellt am 09.05.2010)




Gestern abend besuchten wir eine Aufführung der Carmina Burana in der Dominion-Chalmers United Church in Ottawa. Draußen war es kalt, 0 °C bei angekündigten Schneefall und so kramten wir für den Weg unsere Winterjacken wieder hervor. Zu dem Abend hatten wir verbilligte Tickets bekommen können, da Marek (Freund und Anands Kollege) Mitglied im Ottawa Classical Choir, einem der beteiligten Chöre ist. Insgesamt waren an der gestrigen Aufführung zwei Klaviere, diverse Rythmusinstrumente und Schlagzeuge, 4 Erwachsenenchöre und ein Knabenchor mit zusammen ungefähr 180 Teilnehmern beschäftigt.
Es begann mit der Präsentation von Robin Pan, einen 12 jährigen Jungen, der als neues Talent gefeiert wurde. Er spielte mit technischer Raffinesse und Schnelligkeit, aber auch sichtlich gelangweilt, zwei Studien von Frédéric Chopin und erfreute danach das Publikum damit, daß er nicht einmal sondern zweimal von der Bühne sprang anstelle die Treppe zu benutzen.
Danach spielten die Pianisten Gianfrancho Pappalardo Fiumara und Roberto Carnevale ein Cembalo-Konzert für zwei Cembalos von J.S.Bach auf den Flügeln. Im Programmheft konnte man lesen, daß es sich um ein relativ unbekanntes Cembalo-Konzert handelt, das Bach zur Aufführung in Zimmermanns Kaffeehaus komponiert hatte und dessen Relavanz von den meisten Musikkritikern völlig zu Unrecht unterschätzt und als nachläßig komponiert geringgeschätzt wird. Nun, ich konnte die Relevanz auch nicht direkt nachempfinden und ob meines unzureichenden Verständnis für Bachs Musik kam mir das Werk eher etwas monoton und einschläfernd vor. Beim Verlassen der Bühne nahm sich Prof. Carnevale aber ein Beispiel an dem Jungen davor und sprang ebenfalls von der Bühne, was die Stimmung wieder etwas auflockerte und die bereits Schlafenden weckte.
Denn nun begann die Pause.
Während der Pause fand eine stille Auktion statt, bei der man auf verschiedene Gegenstände bieten konnte. Das so eingenommene Geld soll dem Chor, Kindern in der dritten Welt, Kindern in Not in Kanada und Polen, sowie einem zukünftigen Center für musikalisch talentierte Kinder zu Gute kommen. Leider waren die zu versteigernden Artikel nicht sonderlich attraktiv und so ignorierten die meisten Anwesenden diesen Programmpunkt. Da die Frau von Anands Chef aber in der Organisation der Auktion beteiligt war, wurden wir von diesem darin „unterstützt“ doch zumindest auf einen Artikel zu bieten. Und so boten wir einen Dollar mehr als der vorangehende Bieter für eine Flasche kanadischen Rosé-Wein. Das waren dann 12 $ was noch vernünftig war, denn soviel würde man auch im Liquor-Laden bezahlen.
Mittlerweile waren anderthalb Stunden vergangen, seit wir die Kirche betreten hatten und nun ging es mit der Veranstaltung weiter. Der Chor betrat die Bühne und füllte den Altarraum, sowie die Ränge auf den rechten und linken Emporen aus und jeder wartete darauf, daß es nun endlich losging. Marek stand in der ersten Reihe direkt in der Mitte und wartete nervös auf den Anfang.
Aber nein, die Veranstalter hatten sich noch etwas ausgedacht und so sang die organisierende Sopranistin Maria Knapik, die vorher dreimal verkündet hatte, sie würde diesen Abend nur organisieren aber nicht singen, eine Arie über das Leid, die sie den Erdbebenopfern auf der ganzen Welt und den Opfern des polnischen Flugzeugabsturzes widmete und dann erst ging es endlich los.

Die Carmina Burana von Carl Orff entstand aus 24 Stücken der Carmina Burana einer Sammlung mittelalterlicher Vagantendichtung, die in bayrischen Benediktinerklöstern gefunden wurde. Das Werk, das oft als szenische Kantate bezeichnet wird (auch wenn wir es unszenisch sahen), wurde 1937 in Frankfurt a.M. uraufgeführt, weltbekannt sind das erste und letzte Stück: Oh Fortuna / Fortuna Imperatirix Mundo, deren Melodie vielfach in Film-, Fernsehen und Werbung eingesetzt wird.
Auch wenn ich das Stück bereits oft gehört hatte, es vor Ort von 170 Kehlen geschmettert in einer Kirche zu hören, hatte auf jeden Fall eine dramatische, gänsehauterzeugende Wirkung. Danach und bevor der Endchorus einsetzte, kamen jedoch noch 22 andere Stücke, die mir gänzlich unbekannt waren. Ein wenig hatte ich mich schon im Vorfeld gefragt, ob das vielleicht einen Grund haben könnte, aber so schlimm wurde es nicht. Viele der Lieder zu den Themen Glück, Wohlstand, dem Leben, Frühling und den Gefahren der Liebe, Trinksucht etc. wurden in dem „netten Konversationsstil“ dargebracht, der dem Werk Orffs oft eigen ist und vergessen macht, daß die vielen Rythmus- und Tempiwechsel, sowie anspruchsvolle Passagen für Sopran sowie Tenor in Falsett das Werk komplizierter machen, als es sich letztlich anhört. Und während Bariton und Tenor ihre Sache sehr gut machten, schaffte es die Sopranistin Susanna Eyton-Jones nicht immer sauber in die erforderlichen Höhen der extrem anspruchsvollen Arie ‚Dulcissime’. Die verschiedenen Chöre sangen sehr gut zusammen, nur der Kinderchor musste vom Dirigenten jeweils ein wenig ausgebremst werden, wenn sie in den ruhigen Passagen zu laut wurden. Der Dirigent selbst war mit dem nötigen Enthusiasmus am Werke und bietete die erforderliche Show, die jeder von einem Dirigenten erwartet. (Auch wenn Anand immer noch der Meinung ist, daß das Stück auch ohne Dirigent funktioniert). Ein seltsames Detail war höchstens, das er seine Krawatte am Gürtel befestigt hatte und diese genauso enthusiastisch mit seinen Bewegungen hin und her schwang...
Gegen 22.00 Uhr verklangen die letzten triumphalen Abschlußakkorde der Fortuna und wir waren nach drei Stunden auf den harten Holzbänken sitzend, befreit... Wider Erwarten hatten wir die Auktion um die Flasche Rosé-Wein gewonnen, bezahlten und holten diese ab. Danach ging es schnell durch die Kälte nach Hause und wir ließen den Tag bei einem Glas Wein ausklingen. Ein durchaus gelungener Abend, der Chor war toll... aber warum genau ein Komponist ein Stück komponiert, das mit dem fulminanten Finale beginnt und alles andere danach ziemlich blass aussehen läßt, wird mir wohl – trotzdessen, daß ich das technische Kreislaufmotiv der Fortuna verstanden haben - ein Rätsel bleiben.....

20. Oktober 2009

Flamenco Show


Als Anand am späten Nachmittag anrief und fragte, ob ich Lust hätte am Abend ein Flamenco Konzert zu besuchen, war ich nicht sonderlich begeistert. Zum einen hatte ich mir meinen Abend gedanklich schon gemütlich und mit viel Nichtstun eingerichtet und zum anderen hatte ich mich bisher nicht für Flamenco interessiert.
Ich habe ein paar sehr gute Gitarrenkonzerte, die ich mir gerne anhöre, aber der Tanz selbst erschien mir immer zu touristisch-künstlich... üppige Rüschengewänder an stark geschminkte Frauen mit Fächern, das war für mich wie Paella auf einem Hotelbuffet... schlichtweg uninteressant und die Exotic/Erotik des Tanzes erschloss sich mir nicht. Aber letztlich dachte ich dann, warum nicht, wir waren noch nie dort... und so fuhren wir am Montag Abend ordentlich angezogen ins ausverkaufte Theater um uns die Show „Paco Peña- A Compas“ anzusehen.

Anands Kollege erklärte uns, dass Paco Peña einer der bekanntesten Gitarristen des traditionellen andalusischen Flamenco ist, während sein Kollege Paco de Lucia, Flamenco eher in die Jazz-Richtung weiterentwickelt hatte.. und so sah ich schon die Rüschengewänder vor meinem inneren Auge tanzen... Bald erkannte ich jedoch, dass traditionell in diesem Falle ursprünglich meinte: Wenn man allen Touristenklimbim entfernt, dann gibt es keine oder kaum üppige Gewänder, keine Fächer, dafür aber sehr viel Rhythmik... ‚Compas‘ bedeutet rythmische Struktur und so konnten wir eine Show sehen, die zeigte, wie Flamenco anfing, als es noch nicht einmal in den Tavernas gepielt wurde - sondern private Musik war, die sich aus allem zusammensetzte, was das tägliche Leben an Rythmus vorgab, sei es die Schmieder mit den Hämmern, die Frauen bei Handarbeiten, Klatschen, Stampfen, Trommeln.. all das erzeugte eine unglaubliche Energie, die sich fast spielend auf das Publikum übertrug und immer wieder zu Szenenapplaus und Standing Ovations führte... Dazu das Gitarrenspiel von Senor Peña und die Tänzer mit ihren teilweise tranceartigen Bewegungen und dann teilweise schneller als das Auge folgen kann... Der Effekt war berauschend.
Nach der Pause kam ein Teil in dem jeder Tänzer nur mit der musikalischen Unterstützung von Paco Peña agieren und alleine auf der Bühne improvisieren musste... dieser Teil ist nicht einstudiert, sondern laut Programm: „Ein Hineinwerfen des Künstlers in die nackte Realität des Rythmus, in dem er sich nicht nur behaupten, sondern auch erreichen muss, das Publikum miteinzubeziehen und mitzureißen...“ Das gelang teilweise recht gut, aber in dem Bereich gab es auch ein paar Längen, wo es für die Augen anstrengend war, nur auf den einen hellen Punkt der ansonsten stockfinsteren Bühne zu starren... Da gleichzeitig meine Zu-Bett-Geh Zeit war, fiel es mir schon etwas schwerer wach zu bleiben...
Zum Ende steigerte sich alles jedoch, ein bißchen mehr Licht weckte auch mich wieder auf und die durchaus üppige Sängerin Immaculada Rivero durfte zeigen, dass sie ebenfalls noch perfekte Flamencoschritte und die Fächerbewegungen der Hände beherrscht. Es war ein herzlicher Abschied eines wunderbaren Abends, der das Kunststück schaffte eine intime, private Atmosphäre inmitten einer ausverkauften Konzerthalle zu erschaffen... und so schnell wird mich die Flamencomusik nun wohl nicht mehr loslassen...



Anand war ebenfalls restlos begeistert und stellte fest, dass viele Rythmen sich so auch in traditioneller indischer Musik finden und Castagnetten ein übliches Instrument der Händler sind, um Aufmerksamkeit auf ihre Waren zu lenken... Er wollte sich nun endlich über die Wanderbewegungen der Gypsies... vorallem der Sinti und Roma informieren, die als halbnomadische Stämme nachwievor auch in Indien zu finden sind...

Ich habe ein Video zu der Show in youtube gefunden, es wurde vor ein paar Tagen in Los Angeles gedreht und zeigt alle wichtigen Momente des Abends... Viel Spaß dabei :) :

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