21. Juli 2012

Die Doofen

Jeden Morgen, wenn ich Rex, unseren Streunerkater füttere, werfe ich die leere Büchse danach in den Müllcontainer. Eines Morgens starrten mich zwei Augen daraus an. 
.

Ich öffnete vorsichtig den Container und in einer Ecke saß panisch, verschüchtert ein kleiner Waschbär.
Der Müll war am Dienstag abgeholt worden, nun war es Mittwoch morgen. Der Kleine war wahrscheinlich Dienstag Nacht wie immer in den Container gesprungen... nur wusste er dann nicht mehr wie er die steilen Wände hinausklettern sollte, denn leer ist der Container ziemlich hoch. 


Mit der Hilfe eines Nachbarn, stellte ich einen großen Ast in den Container, an dem sich der Kleine herausziehen konnte. Mit großer Trauer sah ich dabei, daß er eines seiner Beine nicht bewegen konnte... der wird bald sterben dachte ich und ging meiner Wege. 
Selbst gesunde Waschbären werden in Vermont eingeschläfert, sobald sie im Stadtgebiet aufgegriffen werden – Hilfe gibt es für sie nicht. Sie können nicht umgesiedelt werden, brechen in Wohnungen ein und sind Hauptverbreiter der Tollwut. Natürlich könnte man all das ändern, man könnte z.B. ein Waschbär-Paar füttern, impfen, sterilisieren... die dann alle anderen davonscheuchen könnten. Aber das darf man nicht, denn Waschbären sind wilde Tiere – auch wenn sie von den Ureinwohnern als Haustiere gehalten wurden. 
(Manchmal kann man nur froh sein, daß diese Gesetzgeber nicht dabei waren, als die Menschen vor Jahrtausenden entschieden, daß Hunde und Katzen ab jetzt zur Familie gehören...) 


Eine Woche lang sah und hörte ich nichts von den Mini-Bären, bis es wieder Mittwoch war und genau, im leeren Container saß erneut ein kleiner körperbehinderter Waschbär. 
In Wikipedia hatte ich gelesen, daß Waschbären sehr intelligente Tiere sind, die sich die Lösung für ein Problem bis zu 3 Jahre lang merken können... dabei meinten sie aber offenbar nicht dieses Exemplar hier. Also schimpfte ich mit dem blöden Tier, der gutgelaunt zurückschnalzte... ich wurde offenbar schon als ungefährlich eingestuft. Sobald ich den Stock hineinstellte, wollte er sofort herausklettern, doch der Ast war nicht stabil fixiert und begann wegzurutschen. Also musste ich schnell Ersatz beschaffen, denn den Ast samt daran hängenden Waschbär wollte ich doch nicht in die Hand nehmen. Mit dem zweiten Ast gelang das Manöver, der Kleine wartete geduldig, bis ich die Containerklappe wieder zumachte, das erleichterte nämlich den Gang auf den Zaun und dann erst verschwand er. 


Heute morgen nun lief ich zum Müllcontainer und hörte ein leichtes Knacken von drinnen... also rief ich laut: „Wer ist da?“ ... und als Antwort kam ein fröhliches Schnattern und Schnalzen... Waschbär-Antwort für „Na endlich kommst du.“ Dieses Mal wurde immerhin gewartet, bis ich den Ast wirklich gesichert hatte und dann sprangen nicht ein, sondern zwei der Bärchen aus dem Container... beide mit gebrochenem Fuß. Das schien sie aber nicht weiter zu stören... sie schnatterten, stießen sich gegenseitig an und warteten auf dem Zaun, was ich denn nun als nächstes machen würde. Ich entfernte den Ast, versuchte die Containerklappen einmal mehr so zu sichern, daß der Spalt dazwischen möglichst klein ist und redeten den Katzen Mut zu – Waschbären machen ihnen Angst und das ist wahrscheinlich auch besser so. Die jungen Waschbären hofften wohl auf eine Extraration Katzenfutter für sie, doch das wäre keine gute Idee. Sie sind zwar laut Lexikon ganz wild darauf, aber das führt bei ihnen zu Gicht. Überhaupt findet sich im Sommer in der Stadt genug abwechslungsreicheres Futter für die kleinen Allesfresser. 


Also marschierten sie den nächsten Baum hinauf, sahen noch einmal vom leeren Schuppen auf uns herab und verschwanden in den wohlverdienten Nachtschlaf. Sie scheinen also nicht so ganz mitleidbedürftig zu sein, dennoch bezweifle ich, daß sie es durch den Winter schaffen. Waschbären können bis zu 20 Jahre alt werden, doch in der Wildnis schaffen sie es statistisch gesehen nur drei Jahre zu leben. 

Zum Schluß sah ich mir an, warum die Waschbären es selbst am Freitag nicht aus dem Container schafften. Sie hatten offenbar die Müllbeutel so sorgfältig ausgebreitet, daß es zwar ein bißchen höher war als im Leerzustand, aber eben nicht hoch genug... die Doofen.

Kommentare:

  1. Ach jöh. Die Tierchen sind ja so was von süß... Da tut es einem zweimal weh, dass sie von Amts wegen getötet werden.
    Wenn es eine Möglichkeit geben würde, die Müllcontainer (und zwar alle) wirklich fest zu verschließen, würden sich vielleicht nicht so viele in der Stadt ansiedeln.
    Ich sehe mir mit ähnlichen Gefühlen in Freiburg die Rattenfallen an, die vom Ordnungsamt aufgestellt werden - überall in der Stadt liegt offen Müll, und dann wundert man sich, wenn es Ratten gibt. ):

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    1. Ja, sie sind superniedlich und seit Generationen an Menschen und mittlerweile Städte gewöhnt, so daß sie keine Angst vor ihnen haben. Die meisten Waschbären werden auch deswegen getötet, denn Wildtiere, die keine Angst zeigen, sind zumeist tollwütig. Leider bringt töten nie etwas, denn sobald ein Revier leer ist, wird es wieder besiedelt.
      Ansonsten gibt es hier Wildlife-Rehabilatoren für Mäuse, Vögel, Eichhörnchen... nur nicht für Waschbären...

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