18. Juli 2016

Warschau - Der Stadtteil Praga


In manchen Artikeln habe ich gelesen, daß Praga der Ort ist, an dem Warschau wirklich lebt und nicht nur alte Geschichte neu inszeniert wird. Ich denke, daß Warschau überall gelebt wird, selbst in den Hinterhöfen der wiederaufgebauten Altstadt, aber Praga ist ein Stadtteil, der mich neugierig gemacht, aber auch berührt hat. 
Zum einen ist es ein Ort im Wandel, von Armenviertel zu Künstlerinitiativen, denen die übliche Vorhut von Biobäckereien, Stadttouren und ersten boxartigen Apartmentanlagen mit Dachterrassen folgt, die so oder so ähnlich weltweit gebaut werden.


Häufig wird Berlin zum Vergleich mit der Situation in Praga herangezogen und zum Teil habe ich mich wirklich in meine früheste Kindheit zurückversetzt gefühlt, samt der ‚Zille‘ Struktur von Mietskaserne, mit Hinterhof, mit Hinterhof, mit Hinterhof.


Doch das ist ein Ort an dem auch seit dem Ende des Ostblocks nicht viel an den - seit dem Krieg mit Schusslöchern übersäten - Häusern passiert ist, deren Fassaden irgendwann abgefallen sind; zurück blieben die feuchten Ziegelwände und Reste von schmiedeeisernen Balkonen.

 
Um die Fußgänger vor Steinschlag zu schützen, wurden über dem Erdgeschoss Gitter angebracht. Diese Gitter sieht man auch in anderen Teilen der Stadt, doch hier gibt es durchgängig übergitterte Straßenzüge.


Nach dem Krieg blieben die Häuser unsaniert stehen, sie sollten durch Plattenbauten und Punkthochhäuser ersetzt werden (das ist so auch in vielen Teilen des Viertels passiert), doch als man den historischen Wert der alten Häuser entdeckte, wurde dieser großflächige Abriss gestoppt. 
Heutzutage werden einzelne Häuser, bzw. Straßenzüge saniert, während die Investoren in anderen Bereichen einfach etwas länger warten müssen bis die Gebäude in sich zusammenfallen.


Ich war in gewisser Weise fasziniert, von diesen halben Ruinen, den eingesunkenen Treppen in den offenen Treppenhäusern, den Hunden, Katzen, Kindern, der zahlreichen Straßenkunst und kurz hinter der modernen Shopping Mall, gab es selbst einen Basar mit seinen wellblechverkleideten Ständen.


Einen Kontrast zu all dem bildeten die gepflegten Madonnengärtchen, die man in vielen der Hinterhöfe fand.
Und während ich noch ganz berauscht war von diesen Eindrücken, brach eine Art Schockstarre ein - das sind (zum Großteil) keine Museen, Kunstprojekte oder Kulissen, sondern dort wohnen tatsächlich noch Menschen. 
Es hatte die ganze Woche nicht geregnet und doch tröpfelte es von den Wänden, in manchen Gebäuden war das Vorderhaus gesperrt, doch in den dunklen Hinterhöfen wohnte noch jemand und es kam mir plötzlich unvorstellbar vor so zu leben. 


Viele dieser Häuser wären wahrscheinlich in Deutschland wegen Baufälligkeit und einem Dutzend anderer Gründe gesperrt, überhaupt wie heizt man so etwas im Winter? 
Und da hatte ich plötzlich genug von den ‚authentischen‘ Armutsgebäuden, durch das die Touristen in ihren Nostalgie-Polenbussen kutschiert werden - doch dann sah ich die neuen Fenster, und die Häuser, die tatsächlich bereits saniert wurden und ich hatte mich wieder gefangen. Ja dieses Praga, dieser Charakter wird verschwinden, wahrscheinlich schon im nächsten Jahrzehnt - aber es tut mir nicht so richtig leid.


Etikette: Ich habe bei meinem Besuch Touristen gesehen, die mit ihren DSLRs und großen Objektiven die Menschen in Praga abfotografierten als befänden sie sich im Zoo. 
Ich weiß, daß die selbstgeführten ‚walking tours‘ bis in die Hinterhöfe so von der Stadt erdacht wurden, trotzdem muss nicht jeder der dort wohnt, glücklich damit sein zum Fotoobjekt zu werden. Die herzzerreißend weinende ca.12-Jährige an der Ecke; die alten Trinker im nächsten Hof? - Sicher alles tolle Motive um die ‚raue‘ Geschichte des Viertels glaubhaft zu machen, aber ich entscheide mich meistens dagegen. 
Ich fotografiere Straßenszenen lieber mit der wenig störenden Handykamera; und manchmal ist es gut, wenn man vorher die Kamera zeigt und auf ein Nicken wartet - dazu benötigt es keiner Kenntnisse der Landessprache. 

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