22. März 2011

Traue dir nicht

Ein elfjähriges armes Mädchen, mexikanischen Ursprungs wird in Cleveland, Texas am Thanksgiving Tag von mindestens 18 Männern brutal vergewaltigt. Dabei wurden Videos gedreht, die in der Schule kursierten und letztlich, Monate später einer Grundschullehrerin in die Hände fallen, die die Polizei informiert.
Der New York Times Artikel dazu, der ausgerechnt am internationalen Frauentag erscheint, gibt dem Mädchen die Schuld, schließlich hätte sie sich ihres Alters unangemessen gekleidet. Laut der Times “Wie eine 21jährige Prostituierte, die nach dem was ihr passierte förmlich fragte.”
Nachdem die Zeitung mit e-mails empörter Leser bombardiert wurde, verkündete man, der Artikel sei zwar unausgeglichen gegen das Opfer geschrieben worden, aber in der gesamten Stadt habe man niemanden finden können, der Mitleid mit dem Mädchen gehabt hätte und in ihrem Namen sprach. Andere Zeitungsartikel bezichtigten das Mädchen der Lüge, schließlich sei sie erst nach drei Monaten zur Polizei gegangen, der Geschlechtsverkehr sei einvernehmlich geschehen, dazu würde das örtliche Basketballteam derzeit nicht spielen können und überhaupt, das wird den jungen Männern ein Leben lang nachhängen.
Ich habe die Berichterstattung zu diesem Fall seitdem mitverfolgt und war sofort interessiert, als meine einmal wöchentlich erscheinende Lokalzeitung Seven Days ebenfalls etwas dazu schrieb. Judith Levine begann mit einem völlig anderen Punkt: Mitgefühl. Jeder erwartet, daß diese jungen Männer Mitgefühl mit ihrem Opfer gehabt hätten und doch bleibt es aus. Genauso wie es in der Stadt ausbleibt, die unmittelbar davon betroffen ist. Wie kann das sein, daß wenn man den Fall von “weiter weg” betrachtet die Ungeheuerlichkeit erkennt, aber nicht als Nachbar?
Sie zitierte eine kürzliche Studie über Folter, bei der Folterer physische und mentale Schmerzen ihrer Opfer einordnen sollten und in Folge absolut unterschätzten. Es zeigte sich weiterhin, daß Menschen kein Übermaß an Gefühlen, sei es Ohnmacht, Wunsch, Schmerz richtig einschätzen können, wenn sie es nicht auch selbst und gleichzeitig erfuhren. Dieses Phänomen nennt sich Mitgefühlslücke und war auch im oben geschilderten Fall verantwortlich, daß die Männer die Vergewaltigung nicht als die schreckliche, erniedrigende, schmerzhafte Folter ansehen konnten, die sie war. Das Mädchen wird - aufgrund ihrer Kleidung, die wohl den letzten Miley Cyrus Videos nachempfunden war - als Verantwortliche hingestellt, muß mit dem Unglaube von Polizei, Staatsanwaltschaft, der Reihe der Rechtsanwälte zurechtkommen, eine Verurteilung der Männer gilt bereits als unwahrscheinlich. Das Ganze wirkt wie ein Lehrfilm für andere Opfer bloß nicht den Mund aufzumachen ... Die Mitleidslücke ist so groß, daß man fast nicht mehr das 11jährige Opfer dahinter erkennen kann, das laut seiner Mutter Maria am Liebsten mit Stofftieren spielt.
Dazu würde ich gerne wütend ein Schild hochhalten auf dem steht: Moment mal, die Massenvergewaltigung einer 21Jährigen wäre damit noch lange nicht straffrei und in Ordnung ... Stattdessen wurde der Fall bereits instrumentalisiert um im Staat Florida die lange umstrittene Schuluniform-Pflicht einzuführen. Die Begründung beginnt mit den Worten: Da ein Mädchen in Texas aufgrund ihrer Kleidung...

Die Forscher der Studie meinten man kann Mitleid nicht erzwingen, weswegen man es ignorieren sollte. Es muß klare Definierungen geben, was Folter, was Vergewaltigung ist und egal ob man fühlen kann, daß das richtig ist oder es eben nicht fühlt... danach handeln. Denn: Nichts rechtfertigt eine Vergewaltigung. Vergewaltigungsopfer sind niemals die Schuldigen.

Links zu dem Thema:

New York Times Artikel zur Vergewaltiung:
Seven Days Artikel zur Vergewaltigung:
Artikel von News.Change.org zur Vergewaltiung:
Artikel von Rawstory zur Schuluniform-Einführung:
Artikel zur Vergewaltigung und Folgen für das Kind (ihr wurde aus Sicherheitsgünden Kontakt zur eigenen Familie verboten, sie ist in einer Pflegefamilie) sowie der Frage, ob ein weißen Mädchen anders beurteilt worden wäre von FreshXPress:

Kommentare:

  1. Hi Thea,

    schlimme Geschichte, echt furchtbar. Die psychologische Fragestellung finde ich auch sehr interessant. Den gleichen Effekt gibt es bestimmt auch in Kriegssituationen, wo den Beteiligten erst hinterher richtig klar wird, was sie getan haben.
    Der Fall hier ist so schrecklich und eindeutig, dass es schwer fällt, da überhaupt ein "aber" zu schreiben. Aber ;) über den Satz "Vergewaltigungsopfer sind niemals die Schuldigen" habe ich heute immer mal wieder nachgedacht, und bei mir bleibt ein ungutes Gefühl.

    Zunächst mal ist der Begriff "Vergewaltigung" glaube ich nicht so schwarz-weiß, wie einem die Rohheit des Wortes zunächst suggeriert. Was ist mit dem Kerl, der dermaßen psychischen Druck auf seine Partnerin aufbaut, dass sie sich gar nicht mehr traut, "Nein" zu sagen? Was ist mit der Beziehung, wo einer der beiden sich über Jahre immer mehr vom Sex entfernt hat und eigentlich nicht mehr möchte, aber der Andere ein bisschen rücksichtslos ist und sich "nimmt" was er möchte, obwohl er vielleicht ahnt, dass etwas nicht stimmt? Man kann es halt beliebig weiter abstufen.

    Naja, und außerdem finde ich, dass oft körperliche Misshandlung zu sehr "über" psychische / seelische Unterdrückung gestellt wird. Jemanden unglaublich fertig zu machen, so dass er kurz davor ist, sich umzubringen, ist halt nicht strafbar, aber ein Schlag ins Gesicht schon. Ich kann von mir selbst sagen, dass ich schonmal jemanden bewusst so provoziert habe, dass sie (jep) mich geschlagen hat. Ich *wollte* das in dem Moment, damit sie sich hinterher schlecht fühlt. Jaja, die Abgründe menschlichen Verhaltens. ;) Und wenn man halt diese Überlegungen fortführt, zeigen sich meiner Meinung nach sehr viele Graustufen, wo es wirklich sehr schwer ist, ein so eindeutiges Urteil zu fällen. Mal ganz extrem: Wenn sie einem gewissen Diktator demnächst was antun, kann ich das schon verstehen. Ich würde es nicht gutheißen, aber *ihn* auch nicht von jeglicher Schuld freisprechen.

    Mir ist schon klar, dass der Satz auf die allermeisten Vergewaltigungsopfer zutrifft und du vertrittst ja hier eine gute Sache. Aber ich finde, er vereinfacht die Wirklichkeit zu sehr. Krass gesagt: Wenn der Satz stimmt, kann man sich eigentlich auch direkt die Gerichtsverhandlung sparen, oder? Nur mal, um zu verdeutlichen, worauf ich hinaus will.

    Danke für den Denkanstoß!

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  2. Hallo H.,
    das klingt ein bißchen nach dem Kachelmann Fall und erklärt auch warum z.B. Vergewaltigung in der Ehe erst nach langem Ringen der Gesetzgeber irgendwann unter Strafe gestellt wurde. Und ich denke selbst heute wird in den meisten Graufällen innerhalb einer Beziehung wohl keine Verurteilung dabei herauskommen, weil die Beweislage immer Zweifel offen lassen wird. Das müsste dann schon in Richtung krasser Fall und auch sonst halbtot gehen - Stichwort Stalking. Ich definiere daher Vergewaltigung als mit körperlicher Gewalt, Gewaltandrohung ... denn mentale Gewalt kann ich nicht messen... natürlich käme da noch üble Nachrede in Betracht, aber sonst. Hmm, wenn sich tatsächlich jemand das Leben nimmt, zu nehmen versucht, vielleicht Anstiftung, Teilnahme zum Selbstmord. Aber beweisen läßt sich das ja schon fast alles gar nicht mehr ... schwierig, schwierig.
    Ansonsten gilt für viele Vergewaltigungsfälle in Beziehungen wohl das Gleiche wie Gewalt in Beziehungen... Wenn der Satz anfängt, mit ich musste ihn/sie schlagen, weil er/sie hat das und das getan... dann läuft etwas kolossal schief. Es ging in meinem Fall aber nicht um Graustufen, die wird es immer geben, genauso wie es Frauen und Männer geben wird, die diese auszunutzen versuchen werden. Aber solange es darum geht, daß eindeutige Vergewaltigungfälle nicht als solche geahndet werden, muß man sich vielleicht um die Mißbrauchsmöglichkeiten noch nicht solche großen Gedanken machen...
    Übrigens habe ich mir heute einmal die zitierte Studie Ansatzweise durchgelesen und da geht es in weiten Teilen auch um Definierungsmöglichkeiten und Schwierigkeiten der Definition von Folter. Ich werde den Link dazu als Update unter den Text schreiben.
    Was das Phänomen der Mitgefühlslücke anging, erinnerte ich mich heute auch an ein völlig gewaltloses Beispiel aus meiner Jugend. Damals hatte ich auf offener Straße einen Migräneanfall und brach zusammen. Und meine Schwester, die neben mir lief, meinte nur, Thea das ist jetzt aber peinlich, steh doch auf ... Objektiv konnte sie erkennen, daß es mir nicht gerade blendend ging aber wichtig war in dem Fall nur: Oh Gott, die Leute gucken ... Vielleicht wäre es schön, wenn man öfter einmal einen mentalen Schritt zurück machen würde um eine Angelegenheit selbst von “weiter weg” zu betrachten... :) LG Thea

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  3. Ja gut, mit deiner Definition von Vergewaltigung nimmst du halt nur die eindeutigen Fälle. Da mag der Satz dann gelten. Aber ich weiß nicht, ob einen das weiter bringt: Was sind dann die anderen Fälle? Vergewaltigung "light"? Nein, es sind halt auch Vergewaltigungen, nur sind die Umstände kompliziert. Und da sehe ich die Gefahr, dass man die anhand der eindeutigen Fälle gewonnenen Erkenntnisse überträgt. Ich glaube man erkennt besser von vornherein an, dass es sich um ein komplexes Thema handelt, auch wenn viele Fälle eindeutig sind. Das erfordert natürlich in so einem Fall wie diesem eine gewisse...hmm... "Disziplin", weil sich die Wut staut.

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  4. Ich bin mir nicht sicher, ob alles definierbar ist... natürlich Deutsche neigen dazu alles gerne geregelt zu haben, aber dazu muss eben auch jeder Einzelfall gesehen und beurteilt werden... denn wie du bereits gesagt hast, man will ja nicht, daß Gerichtsverhandlungen überflüssig werden, denn die sind wichtig. Gerade bei jungen Erstätern kann ein Auftreten vor Gericht def. noch eine Erziehungswirkung haben... Für minderjährige Opfer in den USA würde ich mir dagegen viel weniger Gerichtsverhandlung wünschen, daß in diesen Fällen nur vorherige Videoaufnahme zulässig ist z.B., es kein Kreuzverhör der gegnerischen Anwälte gäbe und diese Fälle nicht vor einer Geschworenenjury entschieden würden... na ja, träum weiter Thea..

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  5. Mir als Frau straeuben sich natuerlich die Haare, wenn ich lesen muss "aufgrund ihrer Kleidung".....Und fuer mich ist diese Art der koerperlichen Vergewaltigung relativ einfach einzustufen: Sobald der Mensch sagt oder durch sein Verhalten zeigt, "nein, das will ich nicht" hat kein Mensch auf dieser Welt das Recht, Sex einzufordern, punkt. Ich hasse es, wenn am Ende immer nur ueber die Taeter als Opfer gesprochen wird, das eigentliche Opfer sich aber Defamierungen gegenuebersieht und sich fragen lassen muss, warum es ueberhaupt mitgegangen ist, warum es sich so gekleidet hat usw...Gerade aus Amerika kam vor vielen Jahren der Film "Angeklagt", in dem sie auch "leicht bekleidet ist", am Anfang noch ein bisschen mitmacht, was dann aber schnell in bitteren Ernst umschlaegt...Ich rede ebenfalls von diesen eindeutigen Faellen, wovon man bei 18 Maennern aus meiner Sicht ausgehen kann. Wie da noch gross etwas hinterfragt werden kann, entzieht sich mir voellig.
    Und ist es nicht normal, dass diese Frauen meistens gar nicht anzeigen oder erst viel spaeter? Wie oft muss man solche Faelle eigentlich noch hoeren, um zu begreifen, was sie durchmachen, wieviel Scham sie empfinden und sich schlicht und einfach nicht trauen, dies anzuzeigen?

    Die Mitleidsluecke, von der Du sprichst, sehe ich hier auch jeden Tag in Indien in irgendeiner Form. Fuer mich ist es eigentlich relativ einfach: Einfach vorstellen, dass man selber in dieser Situation ist/war, dann faellt es m. E. gar nicht schwer nachzuempfinden.

    LG
    Kerstin

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  6. Ja Kerstin, wenn man in Indien lebt und noch in den elementarsten Formen um sein Recht als Frau kämpfen muss, ist die Sache ziemlich eindeutig… leider, während H. in Deutschland sich darum Sorgen macht, daß irgendwann jeder Beziehungsstreit kriminalisiert werden könnte ... klingt nach Wohlstandsproblemen, aber natürlich muß der Gesetzgeber immer die Balance halten ...

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  7. Kerstin, schade dass du die vielen Grautöne, die ich versucht habe aufzuzeigen, mit Schwarz/Weiß plattbügeln musst. Und ich hatte ausdrücklich geschrieben, dass der beschriebene Fall eindeutig erscheint. Es ist also völlig sinnlos, meine Ausführungen darauf zu beziehen und somit meine Aussagen zu verdrehen.

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