10. März 2012

Rassismus?


Als wir nach Vermont kamen, stellten wir alsbald fest, daß das Leben nicht so war, wie in Kanada. 
Dort waren die Menschen weitesgehend aufgeschlossen gegenüber Neukommern und Einwanderern, in den USA waren sie jedoch im positivsten Fall ignorant - ansonsten verärgert. 
Das lag nicht nur daran, daß z.B. gemischte Ehen wie die unsere, in vielen Staaten der USA bis vor wenigen Jahrzehnten nicht einmal erlaubt waren, sondern auch daran, daß Vermont der zweitweißeste Staat der USA (hinter Maine) ist. Es gibt hier schlichtweg kaum Nicht-Weiße und so reagieren die meisten Leute zwar nicht generell verärgert oder ungehalten auf andere Hautfarben, aber verlegen. Sie sehen lieber weg, als zu starren und sind darin so gut geworden, daß sie die meisten Menschen anderer Hautfarbe völlig ausblenden können. Zum Schutz der illegalen Farmarbeiter gibt es sogar eine Polizeiparole, die weggucken besagt, solange die Arbeiter nicht versuchen sich im öffentlichen Leben zu integrieren. Solange die Farmen sie ausbeuten können, wird ihre Anwesenheit geduldet, beginnen sie politisch aktiv zu werden, bzw. sind krank fliegen sie aus dem Land....  Toleranz, eben.
Vermonter glauben in der Tat, daß sie äußerst tolerante Menschen sind, hinterfragen diese Einstellung aber sehr selten. 
Wenn man sich jedoch mit der Geschichte des Landes auseinandersetzt und feststellt, daß Italiener in den 1950ern genauso als Slumbewohner und Abschaum behandelt wurden und vor ihnen Franzosen und Iren, in den 1990ern Bosnier ihnen offenbar den Untergang des Abendlandes bedeuteten, wie heutzutage Bhutani, Iraker und Kongolesen zu kämpfen haben - so fragt man sich unwillkürlich, wieviel Rassismus steckt eigentlich in dem Verhalten. Die Leute sind äußerst veränderungsresistent, wie das bei vielen Landbewohnern der Fall ist... und rauhes, grobes Verhalten wird auch gegenüber der jungen, weißen Mutter an den Tag gelegt, die ein Tattoo am Arm hat oder ein Piercing im Gesicht. Daß die Arme hoch und runter tätowiert mittlerweile selbst bei Bankangestellten in den größeren Städten normal sind und die filigranen Kunstwerke Tausende an Dollarn verschlingen, interessiert niemanden, sie wird dennoch wie gerade aus dem Gefängnis entlassen behandelt. 



Ich kann in dieser Welt relativ unsichtbar unterwegs sein, bevor ich nicht mit deutschem Aktzent spreche, falle ich nicht auf... doch A. geht hinaus und ist sofort als Ausländer sichtbar. Einige schlechte Erfahrungen haben ihn dermassen sensibilisiert, daß er Verrat und Rassismus mittlerweile überall sieht und erkennt. Vielleicht ist es auch so, daß die Verkäuferin ihn nicht grüßte, weil sie Ausländer hasst und nicht nur, weil sie keine Ahnung hat, ob er überhaupt ihre Sprache spricht und sich bequemer Weise fürs übersehen entschieden hat. Vielleicht ist es so, daß sich derjenige im Bus auf einen anderen Platz gesetzt hat, weil er es nicht ertragen kann neben ihm zu sitzen und nicht nur, weil er gerne zwei Plätze für sich und seine Tasche alleine haben wollte, vielleicht guckt der technische Angestellte im Gang der Universität auch nur in eine andere Richtung weil er Ausländer in höheren Positionen als seiner nicht mag und nicht weil als er A. an früheren Tagen versuchte zu fragen, ob sie zusammen Mittag essen könnten eine Abfuhr erhielt. Ich weiß es nicht... ich weiß nur, daß im Alltag häufig nicht die Zeit ist um Menschen aufzuklären und ihnen deutlich zu machen, daß ihr unbewusstes Verhalten mißverstanden bzw. verletztend wirken kann. Das funktioniert nur, wenn man Leute besser kennenlernt und sie Stück für Stück Vorurteile abbauen können.... zuerst i.S. von alle Ausländer sind doof, aber A,B und C kenne ich, die sind ganz in Ordnung und dann ganz langsam kommt ihnen die Erkenntnis, daß vielleicht in der Grundeinstellung ein Denkfehler vorliegt.... vielleicht kommen sie auch nie zu dieser Erkenntnis, vielleicht kommen ihre Kinder aber dahin, deren Schulgefährten aus Vietnam, Bosnien, Sudan, Somalia, Türkei, Kongo, Burundi, Irak, Bhutan und Burma stammen (die kürzlichen Haupteinwanderungs-Länder nach Vermont). 
Die extreme Rassen-Sensibilisierung meines Mannes vergiftet ihn selbst jedoch immer mehr. Am Abend kommt er nach Hause um von den Verbrechen des Tages zu berichten, begangen an Nicht-Weißen, oder zumindest nicht so gut des Englischen mächtigen. 
Vor zwei Tagen kam er z.B. damit: Ein junger schwarzer Mann steht zur Mittagszeit in der Kantine, ist an der Reihe und die Verkäuferin übergeht ihn und bedient die hinter ihm stehende Frau, die daraufhin zu ihm meint, warum steht er denn hier herum, wenn er eh nichts kaufen will. Daraufhin versucht er mit mangelnden Englischkenntnissen auszudrücken, daß er in der Tat etwas bestellen möchte. Für meinen Mann ist der Fall klar, Rassistenschweine alle beiden Weiber... Fuck you... möchte er ihnen zurufen, beschränkt sich jedoch auf finsteres Anstarren, was -Erfolgserlebnis- zumindest die Verkäuferin zurückzucken lässst. Zu Hause dann berichtet er lange und ausführlich von dem Vorkommnis und ein ganz klein wenig beginne ich mich zu fragen, ob es ihm überhaupt aufgefallen wäre, wenn stattdessen ein weißer Amerikaner im Mittagschaos vor der Theke vergessen worden wäre. Vielleicht ja, vielleicht hätte er auch gedacht, oh gemein - aber das kann passieren, bei all den Leuten, die hier herumstehen und gehen. 
Meine Aufrufe zur Mäßigung und dem Versuch seine „Beweise“ auch in anderem Lichte zu sehen, prallen ab, ich möchte seine Erlebnisse auch nicht kleinreden obwohl mir das sofort unterstellt wird. Doch Schritt für Schritt widerfährt meinem Mann etwas, was auch anderen vor ihm geschehen ist: Er wird zu dem, was er bekämpft. 
Es gibt natürlich auch offensichtliche Diskriminierungen, die man weder in anderem Lichte noch zurechtreden kann... so hat z.B. die chemische Fakultät der Universität nur weiße, amerikanisch-geborene Männer in ihren Professorenriege. 

Kommentare:

  1. Ist schon erstaunlich, dass sich ein reines Einwanderungsland solchen "Luxus" leistet....Denn wenn man mal ehrlich ist, wer ist denn "der Amerikaner"? Wohl nicht der Ureinwohner, der von uns Weissen vertrieben wurde und jetzt nur noch in Ghettos gehalten wird....
    Ich kann A. verstehen, halte ich selber Amerikaner doch fuer sehr, sehr engstirnig und habe bei mehreren Aufenthalten in US immer nur "Nicht-Weisse" minderbezahlte Jobs erledigen sehen. Woran das wohl liegt? Warum sind die meisten Gefaengnis-Insassen z. B. Farbige? Wohl nicht, weil sie die groesseren Verbrecher sind.....

    A. soll sich ein dickes Fell zulegen, sonst zermuerbt es ihn.
    Er soll aber auch mal ueber den Tellerrand schauen, dass es z. B. in Indien nicht viel anders, nur eben nicht so offen ist. Hier rede ich uebrigens nicht von "richtigen" Auslaendern, sondern von Indern, die auch nicht moechten, dass ihre ind. Mitmenschen aus ihren Nachbarstaaten sich in "ihrem" niederlassen.

    Scheint also ein weltweites Problem zu sein, wir moegen nicht, was wir nicht kennen oder uns fremd ist.

    Vielleicht troestet das ein bisschen.

    LG
    Kerstin

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    1. Ich denke, die meisten weißen Amerikaner vorallem der Nordostküste sehen sich nicht als Einwanderer sondern Ureinwohner an… die echten Ureinwohner finden im täglichen Leben ohnehin nur als Randbemerkung statt, sie spielen keine Rolle. Aber wie diese Ureinwohner muß sich auch die weiße Bevölkerung mehr und mehr daran gewöhnen, daß sie bald in der Minderheit sein werden. Das führt in den USA zu Angst und Panik und natürlich funktioniert Rassismus auch in alle Richtungen, schwarze Bürgermeister in Detroit sind genauso Rassisten wie mexikanische Richter in Kalifornien. Es gibt hier an der Uni eine Studentenvereinigung namens Alana (Afrika, Latin, Asien und Native America) wo Weiße als minderwertige Menschen dargestellt werden.

      Es ist für mich jedoch immer erstaunlich, daß man nur eine Stunde mit dem Auto fahren muss um Kanada zu erreichen und alles ist anders. Sie verstehen sich zwar nicht als Melting Pot, aber glauben dennoch, daß jede Kultur Teil des Landes sein kann und sämtliche Traditionen, Religionen und Sprachen Platz finden können darin.. Stichwort häusliche Gewalt... hier, ihr bösen Muslime schlagt alle eure Frauen... Erfolgwert 0. Dort, Zusammenarbeit der muslimischen Kulturzentren, Moscheen mit der Regierung, Aufklärung zum Thema häusliche Gewalt erkennen und vermeiden... Erfolgswert sicher nicht 100%, aber auf jeden Fall fühlen sich alle Parteien ernst genommen...
      Wieso funktioniert das dort, es sind doch im Prinzip die gleichen Leute... ?

      In Indien ist Rassismus dagegen eine ganz andere Sache, es ist durch das Kastensystem institutionalisiert und ein Aufbrechen dieses Gefüges wird noch eine schwere Aufgabe der nächsten Generationen werden. In der Hinsicht ist mein Mann wahrscheinlich gut sozialisiert, als Rajasthani in Mumbai viersprachig aufgewachsen (marathi, rajasthani, hindi, englisch) versteht er sich mit der Gemüsehändlerin vor dem Haus genauso gut wie mit dem Filialchef der Deutschen Bank (und beide Welten trafen sich bei unsere Hochzeit - als Gäste :) Wie ihm das hier weiterhelfen kann, das ist noch die Frage...

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  2. Diese Phänomen des täglichen Rassismusses beschreibt mein Mann auch... Und ganz ehrlich: ich möchte nicht in seiner und auch nicht in der "Haut" Deines Mannes stecken!
    Mit diesem Eindruck einmal "infiziert", ist es ganz schwer, den wieder los zu kriegen! Und für uns als "nicht betroffene" Frauen ist es sehr, sehr schwer zu ertragen! Hier sind schon richtige Streits deswegen entstanden... :-(

    Ja, Kerstin hat Recht, mit dem was sie wg. Indien schreibt. Aber DAS wollen sie ja dann auch wieder nicht hören... :-(

    Ein Lösung des Problems - sehe ich leider nicht... :-(
    Ich habe mir auch abgewöhnt, ihm eine andere Sichtweise "nahe bringen" zu wollen bzw. ihm vom "Gegenteil" überzeugen zu wollen. Denn das funktioniert leider nicht, solange die Aussenwelt eben genau und immer wieder solche Erlebnisse "produziert"... :-(

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    1. Für mich hat es viel mit diesem Kleinstadtverhalten zu tun… in einem kleinen Dorf ist man eine Gemeinschaft, selbst wenn einer am liebsten Frauenkleider trägt, der nächste seine Frau verprügelt, trotzdem spricht man miteinander, weil da ja nun mal niemand anderes ist... und in einer großen Stadt gibt es überhaupt keine Gemeinschaft und alle sind irgendwie da und egal und gleich. Das Problem entsteht in den kleinen Städten und deren Gruppenbildung, wo Ausgrenzung stattfindet. Mein Mann gehört zur Gruppe der UVM Leute, zur Gruppe der Inder in Burlington... ich gehöre zur Gruppe der Deutschen in Burlington... insgesamt gibt es für uns keine Gruppe, zu der wir gehören könnten. Dazu kommt noch, daß Inder insgesamt hoch angesehen sind, denn die sind zumeist Ärzte, Computermenschen... gebildet... nur da niemand weiß, wie Inder aussehen, wenn sie nicht gerade mit Namensschild oder Kurta Pajama herumlaufen, fällt leicht dunkelhäutiges Aussehen sofort in die Kategorie: illegaler Einwanderer, Mexikaner... und die befinden sich wiederum am unteresten Ende der Kleinstadt-Scala...

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  3. Ja, das kommt mir alles bekannt vor. Von mir wollten manche Hotelgäste auch nicht bedient werden, weil ich eine deutschen Akzent habe und sie sagten: sie wollten jemanden, derihre Sprache spricht.

    Dieser Rassismus in den Staaten ist wirklich unglaublich und tut wahnsinnig weh.

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    1. Gottseidank ist mir das in Vermont noch nicht untergekommen (die Leute sind vergleichsweise normal... zumindest wenn man sich dagegen die religiösen nutcases des Midwest ansieht), da ich in Indien anfing dauerhaft am Stück englisch zu reden, ist mein Akzent aber auch indisch-britisch-deutsch vermischt und nicht direkt zuzuordnen.

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  4. Sehr schwieriges Thema, das es wirklich in allen Laendern gibt und sich durch alle Schichten zieht, leider. Gott sei Dank verstehe ich weder Hindi noch die lokale Sprache, denn ich moechte gar nicht wissen, was wohl so manches mal ueber die "Weisse" hier gesprochen wird.

    LG
    Kerstin

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